Digitaler Ungehorsam

23. März 2006

Mario Sixtus schreibt in seiner Dezentrale über die Umsatzzahlen der Musikindustrie. Was aber viel wichtiger ist, er glaubt den Krokodilstränen der Zahlenakrobaten nicht blind, sondern rechnet selber nach.
Das erschreckende Ergebnis: Während die Musikindustrie Umsatzeinbußen zu beklagen hat, hat das Musikhandwerk merkwürdigerweise einen netten Aufwärtstrend zu verzeichnen. Die kleinen Musiklabels müssen anscheinend an allen Ecken und Enden sparen. Als erstes wohl an DRM-Mechanismen, Werbespots die den Kunden als Kriminellen darstellen, PR-Gängeleien gegen alle die nicht Musikindustrie sind und teure Lobbyverbände. Wahrscheinlich spart man auch eine Menge Geld wenn man sich die teuren Geschenke für die Politiker spart. Oder anders ausgedrückt: Wenn man weniger in Lobbyarbeit und mehr in Musik investiert, kann man auch in solch harten Zeiten noch ein Umsatzplus machen.

Der Phonoverband beklagt das der Umsatz der Verbandsmitglieder von 1.572 auf 1.500 Milliarden Euro zurück gegangen sei. Der Umsatz der gesamten Musikbranche, also inklusiver der Firmen die nicht im Phonoverband vertreten sind, sei von 1.753 auf 1.746 Milliarden Euro zurück gegangen. Rechnet man das mal aus, dann hat der Phonoverband ein Umsatzminus von ca. 72 Millionen Euro gemacht. Die nicht im Phonoverband vertretenen Firmen allerdings ein Umsatzplus von 65 Millionen Euro (Quelle: Die Dezentrale)
Nun gut. Zahlen verdrehen ist die Aufgabe von Lobbyverbänden. Denn Jammern gehört zum Buisness. Vielleicht sollten die Musikkonsumenten auch mal ein Lobbyverband gründen und darüber jammern wie schlecht doch die Musik geworden ist: Die Veröffentlichungsquote von guter Musik, welche von Verbandsmitgliedern gehört wurde, ist um 4.7% zurück gegangen. Die Veröffentlichungsquote von kaufbarer Musik ist im Allgemeinen um 0.5% zurück gegangen. Wir fordern die Musikindustrie auf in Zukunft nur noch hörbare Musik zu veröffentlichen. Denn das was derzeit auf dem Markt erscheint, ist Betrug und Körperverletzung.

Zum Glück wird niemand gezwungen Musik zu kaufen. Man kann ja auch selber singen. Don Dahlmann hat sich bereits öffentlich dagegen ausgesprochen die Musikindustrie weiterhin mit Stützungskäufen vor der Insolvenz zu bewahren. Er hat auch gleich den passenden Button dazu gebastelt industrie.png und ruft mit diesen Button dazu auf sich gegen die neue Gesetzeslage zu engagieren.

Ob sich die Musikindustrie davon beeindruckt zeigt wenn ihre Kunden laut revoltieren? Bis jetzt sind sie recht locker geblieben. Die Lobbyisten vom Phonoverband. Anstatt sich mit den Kunden und Kritikern auseinander zu setzen, haben sie in Berlin weiter gewettert bis die Ministerin umgefallen ist. Ob die Musikindustrie sich nun von ein paar weiteren Protesten beeindrucken lässt, bezweifel ich mal. Vielleicht durch einen länger anhaltenden Boykott. Denn Verbände und Industrie scheinen auf beiden Ohren taub und auf allen Augen blind zu sein.
Immerhin haben sie sich auch nicht daran gestört das ihre DRM-Maßnahmen dazu geführt haben dass einige Kunden die CDs nicht mehr abspielen konnten. Müssen sich unsere Kunden halt neue Abspielgeräte kaufen. So, nicht anders denkt die Musikindustrie. Der Kunde ist der Böse.

Nun ist es offiziell. Der Kunde ist kriminell. Selbst wenn ich eine CD rechtmäßig erwerbe, darf ich trotzdem keine Sicherungskopie erstellen. Denn selbst die Sicherungskopie soll ich in Zukunft käuflich erwerben. Natürlich nur im Original und inkl. DRM-Technik.
Ich werde als Kunde also weiterhin kriminalisiert. Was kommt als nächstes? Darf ich meine gebrauchten CDs nicht mehr verkaufen? Darf ich von meinen CD-Covern keine Fotos mehr machen? Darf ich die CDs in zukunft nur noch per Kopfhörer hören?
Wahrscheinlich mache ich mich bereits strafbar, wenn ich zu laut Musik höre. Denn dann können ja auch Leute mithören, die diese CD nicht bezahlt haben. Dieser Satz ist nun frei von jeglicher Ironie und Sarkasmus. Denn das ist doch die logische Konsequenz aus der Strategie die die Musikindustrie seit Jahren fährt: Jeder darf nur die Musik hören, für die er auch bezahlt hat.

Ich möchte mich nicht kriminalisieren lassen. Und wenn es nun offiziell ist das ich ein Krimineller bin, dann werde ich dies auch ausnutzen. Ja ich gebe es zu. Ich kopiere CDs. Und zwar fürs Auto.
Wird mir dieses Recht genommen, werde ich in Zukunft von der Musikindustrie jedesmal kostenlosen Ersatz fordern wenn mir eine CD im Auto zerkratzt oder durch die hohen Temperaturen im Sommer verzieht.
Ich könnte die CD auch auf einen MP3-Player kopieren und diesen dann am Autoradio anschließen. Aber selbst das darf ich ja in Zukuft nicht mehr. Denn selbst das Überspielen auf einen MP3-Player wäre ja illegal. Wenn denn, dank DRM, überhaupt möglich.

Ich bin kriminell. Da führt anscheinend kein Weg dran vorbei. Offensichtlich gibt es nur einen Weg aus dieser Kriminalität heraus: Musik boykottieren und einfach keine CDs mehr kaufen.
Doch wer leidet am Ende darunter? Richtig. Die Musiker. Das kann auch nicht Sinn der Sache sein. Denn Musiker sollen von ihrer Musik leben können.

Wenn die Musikindustrie den Unmut ihrer Kunden nur an den Absatzzahlen bermekt, dann dürfte es bald wieder so weit sein das die Musikindustrie über rückläufige Absatzzahlen klagt. Das Problem dabei ist nur, die Musikindustrie interpretiert die Zahlen falsch. Laut den Verbänden ist ja nicht der Unmut der Kunden am Umsatzminus schuld, sondern die bösen Raubkopierer und die Musiktauschbörsen. Ebenso der Kunde, der nicht gewillt ist 3 Ausgaben der gleichen CD zu erwerben, um noch zwei Sicherungskopien zu haben. Der Kunde ist an allem Schuld. Der ist böse.
Es sieht nicht so aus als wenn die Musikindustrie sich von Argumenten überzeugen lässt. Der Übeltäter ist ausgemacht und der Leidtragende ist der Kunde und die Musiker.

Wenn ich nun schon kriminell bin, dann möchte ich dies auch ausnutzen. DRM und neue Gesetze sind mit Sicherheit nicht das Ende der Fahnenstange. Wenn auch im nächsten Jahr die Umsatzzahlen zurück gehen, weil niemand den Scheiß den die Industrie Musik nennt die Kunden vermehrt zu Alternativen und kleinen Labels greifen, dann wird die Daumenschraube noch weiter angezogen. Ich möchte mir gar nicht ausdenken was als nächstes kommt. Aber vielleicht wird als nächstes vorgeschrieben wie viele Personen sich im maximal im gleichen Raum befinden dürfen wenn man eine CD abspielt.
Es gilt also ein deutliches Zeichen zu setzen. Ein Zeichen das die Musikindustrie und die Gesetzgebenden nicht übersehen können. Ein Zeichen bei dem wirklich viele mitmachen können und das für viele einfach umzusetzen ist.
Wenn wir also schon alle kriminell sind, warum verteilen wir dann nicht unsere (neuerdings) unrechtmäßigen Kopien unters Volk. Denn die müssen wir ja jetzt los werden. Jeder legt seine illegalen Kopien gut sichtbar irgendwo auf einen öffentlichen Platz ab.
Wie wärs damit, sie z.B. einfach mal alle vorm Bundestag abzuladen. Jeder der eine Sicherungskopie seiner Musik-CDs angefertigt hat, schickt sie einfach in einem hübschen Paket nach Berlin. Deutscher Bundestag, Platz der Republik 1, 11011 Berlin sollte als Adresse ausreichen und auch ankommen.

Na gut. Schöner Traum von mir. So groß ist die Reichweite meines Blogs nun auch wieder nicht. Aber nächstes mal, dann ganz bestimmt ;)

Ralf

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