Handy und so

14. Mai 2006

Irgendwann, so Anfang der 90er, da musste man noch den Beifahrersitz ausbauen wenn man sein “Mobiltelefon” mitnehmen wollte. Wichtige Leute erkannte man damals daran, dass sie nicht an Telefonzellen anhalten mussten um zu telefonieren. Sie saßen locker im Auto und hielten sich einen Hörer ans Ohr. So konnte man schon von Weiten sehen das sie wichtig waren.

Nokia Communicator

Irgendwann, so gegen Ende der 90er, wurden die Mobiltelefon immer kleiner. Man sagte dann auch nicht mehr Mobiltelefon, sondern Handy. Einige wichtige Leute verweigerten sich grundsätzlich den neuen Trends der volumenmäßigen Schrumpfung der Technik und besorgten sich einen Nokia Communicator. Das ist ein verdammt großer, verdammt technischer und verdammt vielseitiger Backstein. Mit diesem Backstein am Ohr, liefen sie durch die Straßen und demonstrierten somit für alle sehr gut erkennbar ihre Alpha-Position. Hin und wieder kam es vor, dass sie niemand anrufen wollte. Und das auch sie niemanden hatten, den sie grade anrufen konnten. Dann saßen sie, bevorzugt an prädestinierter Stelle, im Cafe und verdoppelten das Volumen ihres High-Tech-Backsteins dadurch, indem sie ihn aufklappten. Alleine schon durch das Aufklappen und eine gut sichtbare Positionierung des Gerätes auf dem Cafetisch sollte, symbolkräftig, die Alpha-Position des Alpha-Tierchens demonstriert werden. Stellte sich auch nach 3 Minuten Starren auf den aufgeklappten Aufklapp-Backstein nicht die nötige Aufmerksamkeit durch die Umwelt ein, so begann das Alpha-Tierchen wild auf dem Aufklapp-Backstein herumzutippen. Dabei war es unerheblich ob irgendjemand, der Besitzer des Aufklapp-Backsteins, welcher sich meistens mit einem Maximalabstand von 3cm vor dem Gerät befand, eingeschlossen, erkennen konnte was da getippt wurde, so zeigte die Körperhaltung doch jeden Anwesenden: Vorsicht! Ich hab zu tun. Ich bin nicht nur beschäftigt, ich bin auch wichtig. Ich bin so wichtig, dass ich nicht einmal genug Freizeit für eine Tasse Kaffee habe.

Die Nachfahren der Nokia Communikator Besitzer sind wahrscheinlich diejenigen, die heutzutage mit dem Laptop im Cafe sitzen und sich beschweren, dass kein WLAN verfügbar ist. “Fräulein! Noch einen Latte und sagen Sie mal, gibt es hier kein Weh-Lähn oder JuhEmTiÄs?

Die andere Sorte von Alpha-Tierchen ging mit der Technik und ihre Handys wurden immer kleiner. Oft genug konnte man Menschen sehen, die sich eine Hand ans Ohr hielten und ihren Ellenbogen anbrüllten. Oder wenn sie keiner anrufen wollte und sie auch keinen hatten den sie anrufen konnten, mit einem zahnstocherähnlichen Stiftersatz in ihrer Handfläche rumtippten. Ich malte mir mehr als einmal die Szene aus, wie es wohl wäre, wenn so ein Alpha-Tierchen mal mit seinem Zahnstocher abrutscht und sich das Ding quer durch die Handfläche bohrt.

Noch heute kann man immer wieder diese Alpha-Tierchen dabei beobachten, wie sie ihre Alpha-Position zu demonstrieren versuchen. Am besten geht das im Auto. Obwohl die meisten modernen, ja sogar die meisten billigen und nicht ganz so modernen, Handys über kabellose Verbindungstechniken, wie zum Beispiel Bluetooth, verfügen, diese durchaus auch dazu geeignet sind mit einem Bluetooth-Headset oder einer anderen Freisprecheinrichtung zu kommunizieren, wählt das Alpha-Tierchen in seinem 70.000 Euro Firmenwagen lieber die Ein-Hand-Segler-Methode zur Kommunikation mit wem auch immer. Wer beide Hände am Lenkrad hat, kann nicht so wichtig sein wie jemand, der bei Tempo 180 einhändig über die Stadtautobahn rauscht und sämtliche andere Verkehrsteilnehmer und Verkehrsregeln großzügig missachtet. Wichtige Menschen benötigen Rücksicht.*

Ein wirklich kluger Mensch, ich glaube er war im Vertrieb tätig, hat mir mal gesagt: Wenn man erfolgreich sein will, dann muss man nach den Leuten Ausschau halten die kein Handy dabei haben. Die wirklich wichtigen und reichen Menschen haben Telefon-Sklaven die für sie die Anrufe und sonstige Kommunikation tätigen. Reich und mächtig ist man erst dann, wenn man es sich leisten kann ohne Handy aus dem Haus zu gehen.

Dabei fällt mir grade auf, ich habe seit 3 Tagen keine E-Mails mehr abgerufen. Ich hoffe doch, dass mir niemand geschrieben hat. Wenn doch, Antwort kommt. Irgendwann.


* Morgen mache ich mir den Aufkleber “Ich bremse auch für Manager” ans Auto.

Ralf

Es existieren 4 Kommentare für diesen Eintrag:

1
Blog:Read schrieb:

Blog:Read (51)…

Heute gibt es zwei wunderbare kleine Geschichten, eine über Mobiltelefone, bzw deren Besitzer und eine darüber, wie man durch unglückliche Umstände zum Stalker werden kann.
Die Musik dazu stammt……

2
dings schrieb:

e-mail – das ist mir schon lang peinlich, wie die mailbox (sagte man mal) in den letzten jahren überquillt, aber ignoriert wird.
eine bekannte rief mich neulich aus dem auto (mit freisprecheinrichtung (das auto, nicht der anruf)) an und kam in eine straßenkontrolle. ich hörte nur noch durch die leitung, wie jemand erbost sagte: “So, Handy auch noch am Ohr, das kostet erst mal 35 Euro.” es scheint einen höheren magnetismus zu geben, der es manchen leuten unmöglich macht, während der fahrt das handy vom ohr zu nehmen.

3
Clavain schrieb:

die richtig coolen und wichtigen haben heute black(crack)berry! das emailhandy… *g*

4
Ralf schrieb:

Meine Mailbox quillt zum Glück recht selten über. Die wirklich dringenden Nachrichten landen in einem GMail-Account und werden mir quasi live angezeigt. Der dreckige Rest kann warten. Immerhin bediene ich mich auch noch anderer, anscheinend längst vergessener Kommunikationsmöglichkeiten. Oder kann sich noch jemand daran erinnern was ein brief oder eine Postkarte ist?

Wirklich interessant ist es ja, wenn die wirklich wichtigen Menschen während des Autofahrens sich noch zusätzlich durch Lesen ablenken. Mal eben schnell die Bild studiert. Oder ein Blick auf die neuesten Emails geworfen. Oder mal eben mit dem Blackberry den Rettungsdienst verständigt weil da mal wieder ein Baum im Weg war … ;)