Alte Zöpfe

04. Juli 2006

Unternehmensberater, Manager und PR’ler sind seit einiger Zeit in heller Aufregung. “Da tut sich was im Internetz, da ist was im Busch, da müssen wir einsteigen bevor es zu spߤt ist.
So oder so ߤhnlich muss es derzeit in einigen Chefetagen klingen. Das Zauberwort welches die Chefetagen so in Aufruh versetzt lautet Blogs und Web2.0. Das Problem dabei: Berater wollen Managern etwas verkaufen das sie selber offensichtlich nicht so wirklich verstehen. Und die Manager wollen etwas haben, das sie zwar nicht verstehen, es aber für gut befinden weil die Berater es empfohlen haben.

Unter solchen Bedingungen muss man sich wohl nicht wundern, dass in Workshops zur “Schwarmintelligenz” darüber debattiert wird was eine “Web 2-Seite” ausmacht. Laut Robert Basic, der an dem Workshop teilnahm, sind dies u.a. “Navigierbarkeit, Kontaktformulare, Sitemaps, gute Produkt/Preisübersichten
Alte Zß¶pfe schneidet man nicht ab. Man fߤrbt sie nur neu. Das reicht offensichtlich aus um das Gefühl zu haben an etwas neuem, etwas umbrechendes teilzuhaben.
Die Kriterien die “moderne” Unternehmen an ihre Webseiten stellen, lesen sich genauso wie die, die sie an einen gedruckten Produktkatalog stellen. Und genau das ist auch der Eindruck den ich oft habe. Die Webseite unterscheidet sich kaum von den Katalogen. Inhaltsverzeichnis, Preisliste und ein paar schß¶ne Fotos. Dazu noch eine Bestellkarte für den schnellen Einkauf. Fertig ist die Unternehmens- und Produktprߤsentation.

Das Unternehmen sich immer ganz gerne fortschrittlich und modern darstellen wollen, ist verstߤndlich. Doch was nützt es, wenn der dargestellte Fortschritt nur eine Fassade aus ein paar Schlagworten ist?
Nur weil ein Unternehmen nun eine Blog-Software auf seinen Webseiten verwendet, hat es dadurch nicht automatisch eine Web2.0-Seite. Eine Blog-Software ist lediglich ein CMS, welches technisch gesehen nichts Neues, also altes Web1.0, ist.
Selbst wenn man es noch hundert mal runter betet, und wenn die Mantras der “Wir sind Web2.0, wir sind dabei” nicht verstummen wollen, Web2.0 dürfte für ein Unternehmen eher Gift als Fortschritt sein. Denn ein makantes Merkmal von Web2.0 ist der interdisziplinߤre Austausch von Information über Grenzen hinweg. Nicht umsonst gilt Open-Source-Software als Web2.0: Viele Kß¶pfe, ein Produkt. Know How wird geteilt, Entwickelungen sind für alle Teilnehmer offen und jeder profitiert von dem Wissen und den Fߤhigkeiten des anderen.
Mit Blogs verhߤlt es sich ߤhnlich. Kein Blogger schreibt für sich alleine. Informationen sind ad hoc für viele verfügbar und vor allem nutzbar. Auch geht es beim Bloggen nicht darum eine Geschichte 100%ig bis zum Ende zu recherchieren und sie erst dann ins Netz zu stellen. Vielmehr sammeln sich in verschiedenen Blogs verschiedene Informationen die oft erst als Ganzes betrachtet sich gegenseitig vervollstߤndigen.

Da drߤngt sich doch die Frage auf, wann das erste Open-Source-Auto produziert wird. Ein Fahrzeug welches nicht mehr von einem Hersteller entwickelt wird, das nicht mehr nur an einen Standort gebaut wird, mit Komponenten die Markenunabhߤngig in verschiedenen Fahrzeugen eingebaut werden k߶nnen.
Produktentwickelung findet in der Regel hinter verschlossenen Türen statt. Undenkbar für ein Unternehmen seine Ideen für neue Produkte schon vor der Entwickelung ß¶ffentlich zu machen und die Vor- und Nachteile ebenso ß¶ffentlich zu diskutieren. Genauso undenkbar wߤre es für ein Unternehmen, wenn es Fehler in seinen Produkten offen diskutiert. Fehler werden gemacht, da besteht kein zweifel. Doch in der freien Wirtschaft gibt es offiziell keine fehlerhaften Produkte. Tauchen Fehler auf, werden sie still und heimlich ausgebügelt. Der Kunde bekommt in der Regel nichts oder nur wenig davon mit. Und wenn, dann meistens über unabhߤngige Testberichte.

Man kß¶nnte nun noch das Argument der Unternehmenskommunikation ins Feld werfen. Web2.0 würde sich doch vortrefflich dazu eignen mit dem Kunden in Kontakt zu treten. Doch auch hier stß¶ren die alten Zß¶pfe. Denn die Unternehmen wollen gar keine kommunizierenden Kunden. Im Extremfall mß¶chten sie ihre “Kunden” aushorchen was die sich wünschen um ein neues, begehrtes Produkt vor der konkurrenz auf den Markt zu werfen.
Vom Diskurs mit dem Kunden sind 99% der Unternehmen meilenweit entfernt. Für diese Unternehmen ist der Kunde Abnehmer der Produkte und ggf. noch Ideenlieferant. Ein Informationsaustausch findet so gut wie gar nicht statt. Wie auch? Das Unternehmen wirft fertige Produkte auf dem Markt und der Kunde soll sie kaufen. Lߤuft es gut, hat das Unternehmen Kundenwunsch und Geschmack getroffen. Lߤuft es schlecht, wird das Produkt stillschweigend vom Markt genommen. Kommunikation? Null.

Ein Unternehmen das sich in das Abenteuer Web2.0 stürzt, wߤre wie ein Bauernhof 2.0. Eine schß¶ne Illusion. Denn kein Bauer diskutiert mit seinen Schweinen wann Schlachttermin ist und was gefüttert wird.

Ich warte jetzt einfach mal auf Web3.0 und den dazu passenden Workshop. Wahrscheinlich wird dann diskutiert ob JavaScript den Kunden abschreckt oder nicht. Und ob Sitemaps dem Customer genügend Usability bieten damit der seine Buy-Power mit einer 99%igen Effizienz einsetzen kann. Key Account galore!

Ralf

Es existiert bisher 1 Kommentar für diesen Eintrag:

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mark793 schrieb:

Wie der Zufall spielt, war ich auch bei diesem Workshop, und ich hab es nicht so verstanden, als wären die mühsam erarbeiteten Usability-Kriterien explizit als zwonullig gelabelt worden. Aber ansonsten hat Robert mit seinem Resümee den Spirit der Veranstaltung schon ganz gut eingefangen.

Davon abgesehen konnte man in dem einen oder anderen Eröffnungs-Statement auch schon raushören, was interessierte Kreise (die mit Zwonull, was immer es auch sein mag, nicht viel am Hut haben), für hochgesteckte Erwartungen an Dreinull wecken: Bewegtbild, Bewegtbild, Bewegtbild…