Bodo, Bodo…

04. Juli 2006

Wat hasse dir da für Leute an Bord geholt. Wat’n Kruppzeuchs. Ne Bodo, dat wird nich gut gehen. Dat geht inne Hose. Is doch allet wat fürn Kanal watte da machst.
Ach ne Bodo, war dir dat zu heiß inne letzten Tage? Wat machste mit deinen Kunden? Willste die nich mehr? Kannste die nich mehr leiden? Musse jez auch sowat machen wie die annern dat auch alle machen. Hasse zweiten Frühling, oder wat? Willste auch ma hipp sein und so nen schönes Technikding da präsentieren?

Ach Bodo. Da tuste dir jez auch so Beraters an Land ziehn die nich mal die Leute kennen die sie beraten tun. Lässt dir Honich ummen Mund schmieren wie nen kleinet Kind. Biste ganz versessen auf dat Ding watte dir da ausgedacht hast und jez? Kommen die da von ausserhalb, keinen Plan von nix und tun dir erzähln wie die dat machen täten. Und schwupp ham se dich ganz struwelich gemacht mit ihre ganze Wiesionnen.

Ach Mensch Bodo. Erst kauft ihr allet auf wat annen Kiosk rumliecht, dann macht ihr allet zu wat ihr grad gekauft habt. Und immer wieder hasse Ärger anne Backen. Jedesmal von neuem. Und wat lernste da raus? Nix. Und jez bisse ganz versessen auf dein neuet Kind. Neue Besen kehren gut. Aber die alten liegen besser inner Hand.

Da warste jez doch zu lange da drüben in Berlin. Ham’se dir den Kopp ganz struwelich gemacht und nun kommste angeschissen mit deine neue Klöpse. Wärste ma hiergeblieben, dann weisste wat die Leute wolln. Dat watte dir da ausgedacht hast, dat wolln se auf alle Fälle nich.

Tschö Bodo. Nu is dat Fass voll. Dat wird dir dann nich mehr vergeben. Wenne mitte Dickkopp durche Wand musst, dann is dat halt so. Aber beschwer dich nich dat dich nacher keiner mehr lieb hat.
Musst halt mal ab und zu den Kopp anne Luft stecken. Und nich immer nur mitte Heinis von drüben reden tun. Die kaufen dir doch keine Zeitung ab, die wollen nur an deine Penunsen. Echt jez.


Nachtrag:

[...] inwiefern bspw. erfolgreiche/beliebte Autoren unter den Nutzern besonders gefeaturet [...] Hier werden gute ’soziotechnische Lösungen’ gefordert sein, die durch das Zusammenspiel von softwaregestützten Rankings und der Aggregation von Nutzerverhalten [3] einen Aufschluß darüber geben, welche Autoren und/oder Texte beliebt sind und z.B. dann auf Einstiegsseiten gelistet werden.1

Wir übersetzen das ganze mal eben: Noten für Reporter/Journalisten.
Das bedeutet: Texte werden nicht mehr objektiv geschrieben, sondern nur noch danach, was die höchsten Klickraten und die besten Bewertungen ergibt. Man könnte das nun indirekten Leistungsdrucke nennen. Man könnte, in Anbetracht der Behauptung man möchte den Fokus weiterhin auf lokale Berichte halten, das ganze Geschwafel auch als absurdes Lügenmärchen bezeichnen. Einerseits schließt die WAZ reihenweise Lokalredaktionen, andereseits wird behauptet die lokalen Berichte würde nicht verloren gehen. Sie würde lediglich ins Internet verlagert werden.
Was geht nicht verloren? Wenn man aus Reportern Blogger macht, die von Journalisten durch die Welt gescheucht werden, dann ist das schon schlimm. Wenn man dann aber auch noch die Lokal-Reporter unter Erfolgsdruck setzt, dann geht das voll in die Hose. Bekommt der Bericht vom Karnickelzüchtertreffen nicht genug Klicks, fliegt er raus oder ans Ende des Internets. Fuck you WAZ!

Keine drei Sätze später wird die Wahrheit dann, wenn auch etwas verschlüsselt, auf den Tisch geknallt:

[...] und schließlich sollte es berücksichtigen, dass bestimmte Themen von vorneherein größere Chancen auf Aufmerksamkeit (=Klickzahlen; =Kommentare) haben [...] Anders ausgedrückt: Ein Schalke04-Blogger (ob Redakteur, Freier Mitarbeiter oder ‘normaler Nutzer’) wird es vermutlich leichter haben, eine halbwegs große Leserschaft zu erzielen als jemand, der über die freie Theaterszene in Olpe oder über Jugendkultur in Oberhausen berichtet.1

Im Klartext bedeutet dies: Der Bericht über das Karnickelzüchtertreffen wird keine Chance mehr bekommen weil Klickgeilere Themen gepusht werden. Adieu Lokal-Berichte. Willkommen Kommerz-Journalismus.
Wie man dann noch solche Behauptungen aufstellen kann, kann ich mir nur mit einer absoluten Realitätsferne und bezahlter Arschkriecherei erklären:

[...] weil es ja genau dem Gedanken folgt, dem auch das neue Angebot verpflichtet sein soll: Unterschiedliche Erfahrungen und Stimmen einzuholen und zu berücksichtigen.[...]1

Klar holt man unterschiedliche Stimmen ein. Die werden aber nur dann widergegeben, wenn sie a) die Kickgeilheit befriedigen und b) ins Konzept passen. Andererseits werden die unbequemen Stimmen, völlig demokratisch versteht sich, ans Ende des Internets verbannt.

Die WAZ lügt sich ihre schöne neue Online-Welt so zurecht, wie es ihr grade passt. Lokalredaktionen werden geschlossen, Internettagebücher dafür eröffnet. Alles im Zeichen des Fortschritts, ohne jedoch auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden zu achten.
Die Monoploisierung der WAZ erreicht mit dem WAZ-Scheiß Live-Projekt ihren Höhepunkt. Erst wurde alles aufgekauft was nicht bei drei Pleite und vom Markt verschwunden war, dann wurden auch die letzten gewachsenen Strukturen niedergewalzt und nun wird mit viel Trara und Klickibunti-Projekten für den Niedergang der Informationskultur im Ruhrgebiet geworben.
Ja Reitz, du hast schon recht. Das wird ein ganz großes Ding. Für die WAZ. Das wird das ganz große Abholzding, quasi der finale Todesstoß für die Informationsvielfalt. WAZ Live ist der Endsieg im Medienbereich. Gewinner sind die Aktionäre der WAZ-Mediengruppe. Verlierer die Kunden und Leser.
Aber wenn der Kack-Reitz meint er würde da was ganz tolles neues voll beliebtes undbedingt benötigtes zusammenschwuchteln, dann wird er mit seinen Visionen ganz tief fallen. Alternativ vor einer ganz dicken Mauer landen.

Und genau das wünsche ich allen Beteiligten: Einen möglichst harten Aufprall in der Realität. Lehnt euch mal richtig weit raus aus euren Elfenbeinturmfensterchen. So weit, bis ihr raus fallt und unten aufknallt.
Na ja, wer für Gogga-Gola die Finger breit macht, der ist halt für jeden anderen Scheiß auch zu haben. Da isset nich schade drum. Echt nich.


1 Quelle: So ne Labertasche von Ausserhalb

Ralf

Es existieren 45 Kommentare für diesen Eintrag:

1
ix schrieb:

nicht dass ich irgendetwas verstehe von der qualität der lokalredaktionen unter dem waz dach, noch die sinnhaftigkeit oder sinnlosigkeit der schliessungen von lokalredaktionen verstehe, aber gehe ich recht in der annahme, dass die welt für dich in ordnung wäre, der „informationskultur“ im pott genüge getan wäre, wenn dei waz alle lokalredaktionen *nicht* schliessen würde und die finger weiter vom internet lassen würde? wären die waz-typen dann näher an der realität?

kann es sein, dass du das internet hasst, weil es dort obejktivitätsversnichter und klickzahlenerhöher wie google, rss, technorati udn linkfunktionen gibt? recht hast du ja. der anteil an subjektiv verfassten, nicht objektiven, „klickgeilen“ artikeln scheint zu steigen. trotzdem funktioniert das mit dem internetz ganz gut.

das was du befürchtest, optimiertes schreiben, ist im übrigen schon in fast jeder deutschen tageszeitung vollzogen. heisst readerscan (siehe auch niggemeiers artikel inner faz dazu).

2
Martina schrieb:

Super geschrieben! Hoffentlich lesen es genügend und denken einfach mal darüber nach. Aber – ich glaube, vor deiner Realität werden die meisten Leser die Augen verschließen. Weil sie es einfach nicht erkennen wollen, dass es SO, wie sie es sich denken, einfach nicht funktioniert. Ein klasse Text, wirklich! Hut ab.

3
Martina schrieb:

zur Klarstellung: Mein Beitrag war an den Ursprungsposter gerichtet.

4
ix schrieb:

an den ursprungsposter? an jan schmidt?

5
Ralf schrieb:

Von mir aus können die im Internet machen was sie wollen. Von mir aus auch eine eigene Blogplattform mit bezahlten und unbezahlten Bloggern/innen. Wenn man sich ein wenig (wirklich nur ein klitzekleinesbissken) mit der WAZ beschäftigt, wird man schnell merken das sie beim Thema Internet von Anfang an dabei waren und es auch noch sind. So Aussagen wie “Die WAZ stürzt sich auf das Internet” und “Die WAZ holt im Internet auf” zeigen das da ein paar Leute mitreden wollen, das Thema WAZ allerdings nur im Sturzflug konsumiert haben.

Das die WAZ-Mediengruppe seit Jahrzehnten alles aufkauft was nicht niet und nagelfest ist, ist seit langem bekannt. Und es sorgt genauso lange für heftigen Diskussionstoff.
Das Ziel dieser Gleichschaltung ist klar. Nicht nur das man dann die Anzeigenpreise für eine Region mit gut und gerne 18 Millionen Einwohnern bestimmen kann. Man kann auch die Meinung im bevölkerungsreichsten Bundesland nach eigenen gut Dünken steuern.
Und dieser Abstimmungsjournalismus ist da doch nur noch das Sahnehäubchen oben drauf.

Die Lokalredaktionen waren bis jetzt immer ein guter Konter zur WAZ-Zentrale. Die einzelnen Lokalzeitungen hatten ihre Reporter die vor Ort waren. Da gab und gibt es ein gewisses Vertrauensverhältnis.
Jetzt wird der Zentralismus eingeführt. Alle Entscheidungen werden in Essen getroffen. In Essen wird auch entschieden wer schreibt, was sie schreiben dürfen, wann es veröffentlicht wird und wie lange es drin bleibt.
Ja klar, ihr habt euch da ein supertolles System ausgekaspert das 100%ig nicht überlistet werden kann. Jo, glaub ich sofort. Ist ja auch alles für nen guten Zweck. Geht dabei ja nicht um Geld.

Nun stell dir einfach mal vor, alle Blogs in Deutschland würden geschlossen werden. Statdessen bekommt jeder ein Blog bei Twoday. Die Startseite von Twoday sieht dann in etwa so aus, wie Digg.com. Leser können per Klick abstimmen welche Inhalte grade oben stehen und was “uninteressant” ist.

Wenn DAS System SO toll ist, warum hast DU dann noch dein eigenes Blog???

Vor allem aber, was würdest du als WAZ-Abonnent machen, wenn man dir sagt, dass du ab nächstes Jahr dir bitte schön einen PC mit Internetanschluß zulegen MUSST wenn du noch lokale Informationen haben möchtest??
Ne, Alternativen gibt es nicht. Die WAZ hat ein Quasi-Monopol. Da gibt es keine Auswahl. Die Alternativen hat die WAZ schon vor langem aufgekauft.

Och, auf einmal klingt das alles gar nicht mehr so doll? Das klingt noch undoller, wenn man sich mal vor Augen hält, dass der Großteil der WAZ-Kunden mit PC&Internet bis jetzt nicht wirklich viel am Hut hat.

Wundert mich aber das diktatorische Zentralregierungen plötzlich wieder in Mode und sehr beliebt sind. Die waren mal ne ganze Zeit lang sehr unbeliebt.
Aber wenn man nen Web2.0-Button drauf pappt, nen paar nette Gesichter hinter die Schreibtische platziert, dann sieht das alles schon wieder gaaaaaaanz anders aus. Dann sind auch die ganzen Verpflechtungen der WAZ-Gruppe vergessen. Wer da mit wem alles was am Hut hat …. uiuiuiui.

Ach? Auf Springer schimpfen und für WAZ arbeiten ist ok? Da müsste mir mal einer den entscheidenden Unterschied zwischen Springer und WAZ erklären. Wenn es denn da einen gibt.

6
Jens schrieb:

Ein paar Anmerkungen habe ich dazu:

1.) Die WAZ ist zwar mittels CWW/Cityweb schon länger im Internet, aber nie wirklich ambitioniert – im Vergleich zu anderen Zeitungen.

2.) Es ist ja nicht wirklich eine WAZ-Monopolisierung – denn die WAZ zieht sich ja von einigen Märkten zurück und lässt andere Monopole dort zu.

7
Ralf schrieb:

zu 1.) Ursache und Wirkung. Die Kunden der WAZ wollten kein Internet (grob ausgedrückt). Warum hätte die WAZ dann ihr Angebot ausbauen sollen? Keine Nachfrage, kein Angebot. Also blieb es klein und auf das nötigste beschränkt.

zu 2.) Och. Also nur wo WAZ drauf steht, ist auch WAZ drin? Kann es sein, dass die WAZ sich zwar offiziell und vordergründig zurück zieht. Hintenrum aber über Tochtergesellschaften und Beteiligungen drin bleibt?
Wenn die WAZ sich tatsächlich aus einem Markt zurückzieht, dann bestimmt nicht aus den wichtigen und lukrativen Märkten. Man schnappt sich den Kuchen und lässt die Krümmel liegen.

Um mal eben die Situation zu verdeutlichen, falls es immernoch niemandem aufgefallen ist:
Hombach und Reitz versichern lautstark und immer wieder dem Projekt volle Rückendeckung. Müssten sie das tun wenn es ein sicheres, standfestes Projekt wäre?
Ne, eben nicht. Das ist das Wackelding schlechthin. Es hat auf keiner Ebene, nicht einmal auf der ganzen Führungsebene, die volle Zustimmung. Die beiden versuchen mit aller Gewalt ihr Ding durchzuboxen, wissen andererseits aber das es bei der kleinsten Unebenheit anfängt zu kippen.
Deswegen auch diese ständige Lobhuddeleien aus allen Ecken. Irgendwelche inszenierten “Experten” bescheinigen diesen Stinkekäse einen wohlriechenden Duft. Dabei kann jeder den Gestank 3 Meilen gegen den Wind riechen.
Da wird auch nicht mit PR-Schlagworten gegeizt. Klotzen statt kleckern. “Das wird spektakulär.” Ka.. ähm U.Reitz in der WamS. Ahja, das muss man also jedesmal betonten das es spektakulär wird? Sowas macht man für gewöhnlich nur dann, wenn man genau weiß das es eben nicht spektakulär wird. Wenn es eine laue Luftnummer ist.
die WAZ wolle “so schnell wie möglich eine große Gemeinschaft” im Netz schaffen” Nochmal WamS. Klar wollen die so schnell wie möglich Tatsachen schaffen. Da wird nicht lange drum rum diskutiert, da wird geholzt. Kritik, Einwände, Bedenken. Alles unerwünscht.

Die geben sich ja richtig Mühe zu vertuschen das sie jetzt schon absehen können das dieses Ding im Kanal landet. Meine Prognose dazu: Die Kiste kommt nicht aus dem Quark weil einfach die Kundschaft dafür fehlt. Die Erfahrungen haben sie. Und wenn sie die nicht selber gemacht haben, dann können sie die sich woanders abschaeun. Bei einem ihrer Partner, z.B. Holtzbrinck.
Dafür hat man sich auf elegante Weise die seit Jahren aufmüpfigen Lokal-Redaktionen vom hals geschafft. Da kann dann ja keiner Medckern. Die WAZ hatte ja versucht eine Alternative für die Lokal-Redaktionen zu schaffen. [ironie ein]Konnte doch vorher niemand wissen das es nicht angenommen wird [ironie ende]

Die sind alle viel zu nervös als das es eine saubere Sache sein könnte. Da sind andere Interessen im Spiel. Aber wenn man sich mal die härtesten Kritiker der Szene vorab einkauft, hat man schon mal ganz gute Karten das es nicht ganz so laut wird (wenn das Ding auf dem Boden kracht).

8
Don Alphonso schrieb:

Man sollte bei dem Springervergleich vielleicht berücksichtigen, dass der WAZ die Hälfte der Krone in Österreich gehört. man hat da zwar einen langen Konflikt mit Herrn Dichand, aber man hat sich früher gut verstanden. Und die schwarzbraune Kronenzeitung stellt moralisch alles in den Schatten, was die Bild jemals gemacht hat – so viel also zum “roten” WAZ-Konzern.

9
strappato schrieb:

Das ist auch das Ende der Kommunalpolitik in den Lokalmedien. Welcher online-Redakteur setzt sich in dröge Stadtratssitzungen, wenn der Artikel nach hinten durchgreicht wird? Politik und blogs? Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass es am Stammtisch mit persönlichen Angriffen endet, aber nichts mehr von “4. Gewalt” hat. Können sich jetzt Bürgermeister und Rats-Fraktionen eigene blogger halten, die bei WAZ-Live als verlängerter Arm der Pressestelle fungieren?

10
tknuewer schrieb:

Also generell frage ich mich ja, ob es eine Zeitung Recht machen kann. Geht sie nicht ins Internet schreien alle: altbacken! Geht sie ins Internet schreien alle: funktioniert sowieso nicht!

Müssen sich alle Waz-Käufer jetzt Internet zulegen? Nein. Aber sie tun es ohnehin nicht. Lieber Tom, Sie werden doch nicht behaupten wollen, dass die Zukunft der Zeitung im heutigen Format gehört?

Bei der Präsentation aber hing ein Begriff über dem Raum, den Bodo Hombach vielleicht noch nie gehört hat: The Long Tail. Und genau das hat mich im positiven Sinn sehr nachdenklich gemacht.

11
Don Alphonso schrieb:

Lieber Thomas, Du wllst doch nach allen Erfahrungen von Freundin über Süddeutsche bis Handelsblatt nicht ernsthaft behaupten wollen, dass bloggenden Journalisten als Ersatz für den Regionalteil die Zukunft gehört?

Im Ernst, wer heute wirklich wüsste, was die Zukunft sichert, könnte ein Heidengeld damit machen. Das Problem an den radikalen Schnitten bei der Vor-Ort-Kompetenz mit gleichzeitiger Einführung neuer Formate ist nicht gerade ein Beispiel für Leserbindung. Und Internet- und Bloggertexte, wie da angedacht ist, gehen in Print nur sehr begrenzt. Allein schon, weil kein Blogger in Zeilen und Spalten denkt und schreiben kann. Wenn er es im Internet täte, wäre es aber kein Bloggen mehr, sondern Bleiwüste im Netz. Entweder man muss beim Setzen den Text zu Tode redigieren, oder man ordnet den Rest den Bloggern unter.

Na, das werden die schon begreifen – wenn erst mal einer, der bislang niedergebügelt wurde, zusammen mit einer Chefredakteurin, die noch nie Print geleitet hat, das Layout machen muss. Blogger finden es sicher saucool, erst mal drei Monate an einem Dummy hinzuschreiben.

12
JanSchmidt schrieb:

Wie man dann noch solche Behauptungen aufstellen kann, kann ich mir nur mit einer absoluten Realitätsferne und bezahlter Arschkriecherei erklären:
[…] weil es ja genau dem Gedanken folgt, dem auch das neue Angebot verpflichtet sein soll: Unterschiedliche Erfahrungen und Stimmen einzuholen und zu berücksichtigen.[…]
Klar holt man unterschiedliche Stimmen ein. Die werden aber nur dann widergegeben, wenn sie a) die Kickgeilheit befriedigen und b) ins Konzept passen. Andererseits werden die unbequemen Stimmen, völlig demokratisch versteht sich, ans Ende des Internets verbannt.

Da hast Du meinen Beitrag nicht verstanden (möglicherweise habe ich mich unklar ausgedrückt, möglicherweise geht es Dir auch einfach nur un den rant, ok).
Ich versuch es nochmal mit anderen Worten: Es wird immer Inhalte geben, die kriegen mehr Aufmerksamkeit/Klicks als andere, sei es wg. des Themas, wegen des Autoren, wegen der Platzierung, … Ich schreibe in meinem Text doch genau das, worüber Du Dich so aufregst: Die Klickzahlen alleine sagen überhaupt nichts über die Qualität oder Relevanz der einzelnen Beiträge aus, deswegen kommt es darauf an, wie man dem einzelnen Leser trotzdem die Inhalte präsentieren kann, die für ihn persönlich relevant sind. Da wird man um eine irgendwie geartete Kombination von Algorithmus und Nutzer-Bewertung nicht drumrum kommen; ob das dann so eine Art ‘Amazon’-System ist (“Leser, die das gelesen haben/gut fanden, fanden auch das gut”) oder über irgendetwas tagging-artiges läuft, oder oder oder? Keine Ahnung, genau darüber wird im Moment ja nachgedacht.

Bekommt der Bericht vom Karnickelzüchtertreffen nicht genug Klicks, fliegt er raus oder ans Ende des Internets. Fuck you WAZ!

Willkommen in der Welt des power law und des long tail. Nochmal: Diese Hierarchien und unterschiedlichen Aufmerksamkeitslevel gibt es sicherlich, aber es gibt eben auch genügend Möglichkeiten, dafür zu sorgen, dass der Bericht über das Karnickelzüchtertreffen trotzdem von den Leuten gefunden wird, die sich dafür interessieren.

PS – Generell noch: Ich hab kein Problem damit, dass Du an meinem Beitrag Deine Kritik an der WAZ aufhängst, ich will nur auch nochmal hier festhalten, dass ich nicht für die WAZ spreche und auch keinerlei Geld o.ä. bekomme (abgesehen von den Fahrtkosten und dem Essen am Montag); insofern ist das “bezahlte Arschkriecherei” von Dir völlig fehl am Platz.

13
Jens schrieb:

@Ralf:

zu 1)
Klar, ist ein Punkt. Wenn niemand Internet will, dann braucht man das Angebot auch nicht ausbauen.
Das ist ja die Sache, die ich auch ein wenig kritisiere. Klar, mit der Einstellung “Die neue WAZ im Internet braucht man nicht, weil bisher hat das auch niemand gebraucht” kommt man nicht weit, weil dann jegliche Innovation gleich im Vorfeld ad acta gelegt wird.
Aber ich persönlich frage mich ob es ein Vorteil ist, wenn eine Zeitung wie die WAZ einen ihrer großen Vorteile (die Lokalberichterstattung) so mirnichtsdirnichts aufgeben will.
Das den Transfer “Lokalzeitung aus Papier –> Internet” die Leser (zum Teil) nicht mitgehen werden, das stand ja auch schon in der WAMS-Meldung drin.

zu 2)
Mir ist schon bewußt, daß die WAZ ein bißchen mehr ist als WAZ. Es geht jedoch beim aktuellen Zeitungsmonopoly darum, daß anscheinend die drei größten Zeitungsverlage im Ruhrgebiet (WAZ, Lensing-Wolff, Bauer) ihre Claims abstecken, sich nicht mehr gegenseitig Konkurrenz machen und dafür sorgen, daß “jedem Tierchen sein Plaisirchen” (jedem Verlag seine “Monopolregion”) zukommt.
Offiziell (und sicherlich auch inoffiziell) ist die WAZ mit diesen Verlagen nicht verbunden – einzig und allein eine Druckerei haben IMHO der Verlag Lensing-Wolff und die WAZ zusammen. Bei allem anderen wäre das Kartellamt davor.

Zu den weiteren Punkten von Dir:

zu 3) – “Volle Rückendeckung”
Wundert es Dich wirklich, daß die so enthusiastisch darüber reden? Oder erwartest Du etwa wirklich, daß irgendwelche Verantwortlichen ein neues Projekt mit “Naja, wir schauen mal ob das was wird, haben aber eigentlich keine Zuversicht” ankündigen?
Also hier interpretierst Du meiner Meinung nach viel zu viel hinein.

zu 3a) – “Das wird spektakulär”
Laut wirres.net ist der Bericht in der WAMS aufgrund eines Lecks entstanden. Das würde übrigens für Deine These, daß es Widerstände bei der WAZ gibt sprechen – denn wer würde am liebsten ein solches Gerücht lancieren (gegen den ursprünglichen Wunsch, daß es vorab via Blogosphäre verbreitet wird)?
Ansonsten hat dieses Zitat nicht Ulrich Reitz gebracht sondern Klaus Schrotthofer. Das nur der Vollständigkeit halber.

zu 4) – “andere Interessen”
Glaubst Du wirklich, daß es bei den WAZ Live-Plänen in Wirklichkeit nur darum geht Lokalredaktionen zu schließen? Oder aber um vereinzelte Lokalmonopole zu errichten? Also wenn ich Bodo Hombach wäre, würde ich das dann anders machen als über so einen mühsamen und kostspieligen Umweg.

@Don Alphonso:
Ja, die WAZ ist an der Kronen-Zeitung beteiligt.

Nach der schönen TV-Reportage über die Kronen-Zeitung, die man hierzulande höchstens mal bei arte sieht (im ORF verboten, ORF machte angeblich auch mal Druck auf 3sat), hat jedoch die journalistische Entscheidungsgewalt einzig und allein Cato Dichand, der sich ungern rein reden lässt. Erstmalig hat die WAZ ja versucht unternehmerische und journalistische Entscheidungen zu treffen, als sie seinen Sohn verhindern wollten. Meines Wissens läuft das damit verbundene Schlichtungs(?)verfahren noch.

@strappato:
Der innere Maulkorb verbietet mir en detail und auch noch erkärend zuzustimmen… ;)

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Rieke schrieb:

Ahh, endlich einer, der das auch mal von einer anderen Seite betrachtet! Sehr gut geschreiben und die Finger in die Wunde gelegt! IMHO absoluter Schwachsinn, was die da vorhaben. Community-Hype 2.0. Ohoh, ich habe schon den ersten wachsen und sterben sehen. Vermute aber, viele der Beteiligten haben diesen Hype verpasst und glauben nun, was neues entdeckt zu haben ;) .

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Rieke schrieb:

Noch ein Nachtrag: Lustig ist allerdings auch die Idee, Blogger einfach einzuladen, denen zu erlauben, sich dort kritisch zu äussern, sie dann zu bitten aber bitte nicht darüber zu detailliert bloggen. Und das Schlimme: Sie halten sich auch noch dran. Das ist wohl der neue Blogger 2.0?