Deutsche Wartezimmer
16. Juli 2006Sommerzeit ist Insektenstichzeit. Davon werde selbst ich mit meinem bösem Blut nicht verschont. Wahrscheinlich stürzen sich alle suizidgefährdeten Insekten dieser Welt auf meine zarte Haut um sich von mir eine tödliche Dosis böses Blut zu verschaffen. Neben den üblichen Mückenstichen, an die man sich mit den Jahren gewöhnt, stürzten sich dieses Jahr auch einige Pferdebremsen auf mich. Mit dem Resultat, dass ich am kleinen Finger der rechten Hand, binnen 36 Stunden gleich zweimal gebissen wurde. Verlief der erste Biss noch relativ harmlos und sorgte lediglich für eine Schwellung mittleren Grades, verlief der zweite Biss ein wenig dramatischer.
Irgendwann morgens, so gegen 4 Uhr, machte sich dieser zweite Biss durch penetrantes Jucken recht deutlich bemerkbar. Dummerweise fing ich im Halbschlaf erst an zu kratzen bevor ich ganz wach wurde und sah das da was nicht stimmte. Der komplette Handrücken war stark gerötet und ein wenig angeschwollen. Der kleine Finger glich im Umfang und Form dem Daumen und schmerzte bei jeder Bewegung. So verbrachte ich die restlichen 2 Stunden, die mir bis zum Aufstehen verblieben, mit der Hand zwischen zwei Kühlakkus, in der Hoffnung das die Schwellung und die Rötung sich nicht weiter ausdehnen würden.
Meine Hoffnung auf Linderung wurde ansatzweise erfüllt. Zwar ging weder die Rötung noch die Schwellung merklich zurück, dafür wurde aber auch keins von beidem deutlich schlimmer. Frohen Mutes das sich dieser Zustand halten würde, brach ich auf mein Tagwerk zu erledigen.
Kurz vor 10 Uhr hatte ich zwar mein Tagwerk noch nicht erledigt, dafür aber mindestens schon fünf mal den Satz “Mit der Hand solltest du mal besser zum Arzt gehen” gehört. Bevor ich nun zum sechsten mal die Empfehlung eines Arztbesuches bekommen würde, entschloss ich mich kurzerhand einen Arzt aufzusuchen. Da zwischen mir und meinem vertrautem Hausarzt die Strecke von 50km lag, entschloss ich mich dazu einen ortsansässigen Arzt aufzusuchen. Bei einem Insektenstich handelt es sich schließlich nicht um eine derart intime Angelegenheit als das man da nicht auch mal einen fremden Arzt dran lassen könnte. So verschlug es mich in das Wartezimmer eines Internisten in einer beschaulichen Kleinstadt am nördlichen Rand des Ruhrgebietes.
Deutsche Wartezimmer gleichen sich in der Regel wie ein Ei dem anderen. Eine Reihe Stühle für die Patienten, ein paar mies gelaunter Gesichter die darauf warten endlich behandelt zu werden und ein unendliches Arsenal an Zeitschriften, bereitgestellt vom Lesezirkel. Dieses Rent-A-Zeitschrift-Prinzip schafft eine gewisse Vertrautheit und befriedigt nebenbei in gewisser Weise den Spieltrieb des Wartenden. Da die Miet-Zeitschriften vom Lesezirkel allesamt mit einem blauem Umschlag versehen werden, fällt den Wartenden im Wartezimmer sofort etwas vertrautes ins Auge. Keine Frage worum es sich bei dem Stapel blau eingeschlagenem Altpapiers handelt, es sind die bereitgestellten, zum Zeitvertreib ausgelegten, Zeitschriften.
Da man wegen dem blauem Umschlag nicht erkennen kann um welche Zeitschrift es sich handelt, ist die Spannung bei der Auswahl der Lektüre natürlich groß. Mit sicheren Griff angele ich mir also aus dem 1,20 Meter hohen Stapel eine im Anschnitt möglichst interessant erscheinende Zeitschrift, setze mich, schlage den blauen Umschlag auf und bemerke etwas sehr vertrautes. Dies ist genau die Zeitschrift, die ich bei meinem Hausarzt auch immer aus dem 1,20 Meter hohen Stapel an Zeitschriften angele. Nicht nur der gleiche Verlag und der gleiche Titel. Sondern auch noch die gleiche Ausgabe mit den gleichen rausgerissenen Seiten und den gleichen Fehlern beim bereits ausgefülltem Kreuzworträtsel. Und natürlich hat die Patientin auf der gegenüberliegenden Seite des Wartezimmers exakt die Zeitschrift in der Hand, die man als einzige aus dem 1,20 Meter hohen Stapel an Zeitschriften noch nicht kennt.
Mit einer Mischung aus Ernüchterung und einen Anflug von Frust lege ich das bereits bekannte Exemplar aus dem Lesezirkel zurück zu den anderen 129 mir schon aus anderen Wartezimmern bekannten Zeitschriften. Grade als ich mich seelisch darauf vorbereiten wollte die nächsten 1,5 Stunden sinnlos an die Decke zu starren und darauf zu warten das jemand meinen Namen aufruft, fällt mein Blick auf eine Zeitschrift, welche offensichtlich nicht vom Lesezirkeln bereit gestellt wurde und mir somit wohl auch noch nicht bekant sein sollte.
Sogleich angelte ich mir das Prachtexemplar an jungfräulichem Lesestoff aus dem 1,20 Meter-Stapel an Recycling-Zeitschriften. Die Zeitschrift fühlte sich bereits beim ersten Kontakt sehr angenehm an. Es war kein dünnes Zeitungspapier welches bereits beim Versuch es umzublättern einriss oder verknitterte. Sattes, dickes Hochglanzpapier welches angenehm in der Hand liegt. Keine reißerischen Schlagzeilen über Fotos von hässlichen Promis wie sie ungeschminkt aussehen. Kein Wort über faltige Neugeborene semiprominenter Menschen. Kein vorab angekündigtes Skandälchen, keine Prinzessinnenhochzeit im Trallaltraumaland. Ich war gespannt wa smich auf den Seiten der Zeitschrift erwarten würde.
Alleine schon das Titelblatt machte Lust auf Lesen und Schauen. Atrium stand dort in großen, angenehm anzuschauenden Buchstaben auf weißem Grund. Darunter ein Foto eines doch sehr elegant wirkenden Hauses. Es handelte sich offensichtlich um eine Zeitschrift, deren Hauptfachgebiete die Themen Design und Architektur sind. Ich erwartete also keine aus dem Baum mit einem Teleobjektiv geschossenen Fotos von A- bis G-Prominenten, wie sie ungeschminkt und hochschwanger, am hauseigenen Pool rumlümmelnd, den Finger schamlos in der Nase oder andere Körperöffnungen verschwinden ließen. Meine Wartezeit war gerettet.
Beim Durchblättern der Zeitschrift wurde meine Vermutung bestärkt, dass es durchaus Zeitschriften gibt, die lediglich zu dem Zwecke gedruckt werden, um in Wartezimmern jeglicher Couleur ausgelegt zu werden. Denn ich bezweifele ganz stark, dass sich in einer Kleinstadt am nördlichen Rand des Ruhrgebietes sich vermehrt die passende Klientel finden lässt, welche sich Duschköpfe zum Preis eines Kleinwagens einbauen. Auch wenn dieser spezielle Duschkopf schon durch seine unübersehbare Größe hervorsticht, sind 18.400 Euro (ohne Montage, Duschwände, Badezimmer und Haus) ein wenig hoch gegriffen. Der Preis lässt sich auch nur schwer dadurch rechtfertigen, dass dieser Duschkopf neben einem angenehmen Wasserschauer noch die Funktionen “passendes Licht”, “Duft“, “Klang” und “Nebel” besitzt.
Zugegeben, wenn ich unter der Dusche einen körpereigenen Klang erzeuge, dann wird der daraus resultierende Geruch selten als Duft bezeichnet. An guten Tagen schaffe ich es aber mit nur einer körpereigenen Aktion Klang, Geruch und Nebel zu erzeugen. Diejenigen die dies als “abartige Blähungen” bezeichnen, sind in meinen Augen schlichtweg Banausen. Für mich ist das Kunst. Zumal ich dafür weder elektronisches Steuerpult noch einen Abschluss in Ingineurswissenschaften zur Bedienung des Steuerpultes benötige. Ich denke die Bewohner der Kleinstadt am nördlichen Rand des Ruhrgebietes sehen das ähnlich.
Trotz all dem unnützen und überteuertem Schnickschnack der in der Zeitschrift abgebildet war, gab es auch das eine oder andere recht interessante Objekt zu bestaunen. Mousepad von Baccarne-Design ist ein aus Hartschaumstoff gefertigte Tastatur- und Monitorablage welche zusammen mit zwei A4-stapelaar kombiniert einen ganz schicken Schreibtisch ergeben. Da in der Zeitschrift weder Bezugsquelle noch Preis genannt wurden, muss ich nun nur noch heraus bekommen wo ich mouspad und A4-stapelaar zu einem finanzierbaren Preis bekommen kann. Vielleicht komme ich auch mit ein bisschen PU-Schaum und ein paar Sperrholzplatten aus dem Baumarkt weiter. Meine rechte Hand ist ja mittlerweile wieder voll funktionsfähig.
Von der Design-Zeitschrift, den übergroßen Duschköpfen und schreibtischgroßen Mouspads völlig fasziniert, vergaß ich Zeit und Schmerz. So erschreckte ich ein wenig als mein Name durch das kleine Wartezimmer in der Kleinstadt am nördlichen Rand des Ruhrgebietes schallte und die Stimme mich dazu aufforderte vom Warte- ins Behandlungszimmer zu wechseln.
Fortsetzung folgt…


Der “Lesezirkel” ist eine der wenigen Konstanten meines Lebens. Den lass ich mir nicht madig machen …