Kleine Lügen
10. August 2006Die moderne Technik ermöglicht es, dass jemand per SMS oder Ringelingeding benachrichtigt wird wenn wir ihn zwar angerufen aber nicht angetroffen haben. Was die Technik nicht alles kann.
Nun steht die moderne Bürowelt aber einem kleinen Problem gegenüber, für das anscheinend kein Büro-Knigge und auch keine Modern Buisnessschool passable Tipps parat hält. Was sagt man jemanden, den man anruft, weil man grade eine Benachrichtigung erhalten hat, dass das unbekannte Gegenüber versucht hatte einen telefonisch zu erreichen. Menschen können anscheinend so wenig wenn es darauf ankommt.
In den letzten Tagen hatte ich des öfteren das “Vergnügen” genau in diese Situation zu kommen. Ich rief jemanden an, der war nicht da. Anstatt eines Anrufbeantworters erklang eine freundliche Stimme die mir dazu riet die 1 zu drücken, wenn ich dem Angerufenen dazu auffordern wolle mich zurück zu rufen.
Welch abstrakte Situation. Da vermeldet das Telefon in irgend einem Büro irgendwo in Deutschland irgend einem Büroinsassen das er bitte schön die Telefonnummer 0123-456 789 anrufen solle. Warum, wieso, weshalb oder wer sich hinter dieser Nummer verbirgt wird nicht verraten.
Und so erhielt ich in den letzten Tagen des öfteren Anrufe die mit Sätzen begannen die zwischen Verwirrtheit und Erstaunen lagen. “Ja hallo guten tag ich habe hier ihre Nummer im Display und … ähmmm … [betretenes schweigen]” oder “Guten Tag, Sie wollten das ich Sie zurückrufe?”
Oft genug war ich soweit dem Zurückrufenden zu sagen, dass ich eigentlich gar nichts von ihm wollte, sondern einfach nur mal austesten wollte ob er denn auch brav das macht, was ihm sein Telefon gebietet. Doch da ich in der Regel nicht zum Spaß angerufen habe, sondern ein konkretes Anliegen hatte, versuchte ich als erstes einmal heraus zu bekommen wer mich denn da zurückruft. Denn immerhin hatte ich auch nichts weiter als eine von vielen angerufenen Nummern im Display.
Zum Zeitvertreib ist das ganz gut wenn man erstmal ein paar Minuten lang aneinander vorbei redet oder krampfhaft versucht heraus zu bekommen mit wem man grade verbunden ist.
Da aber anschienend nicht jeder einen solchen Zeitvertreib benötigt, meldete sich zumindest einmal jemand mit Namen und Firma, ganz so als wenn ich ihn angerufen hätte. Das fand ich recht hilfreich, so wusste ich sofort wer mich zurück rief und ich konnte recht schnell mein Anliegen vorbringen. Wäre mir da nicht dieser Smalltalksatz raus gerutscht, der zum Inhalt hatte, dass ich meinen Gesprächspartner vorhin nicht erreichen konnte und ich bei seinem Telefon um Rückruf bat. Denn ab da war das Gespräch, zumindest für mich, weniger angenehm.
Alles mögliche hätte ich in dieser Situation als Antwort erwartet und erduldet. Sogar kleine Notlügen. Was interessiert es mich auch warum mein Gesprächspartner grade nicht da war, ich hab ja nicht einmal konkret danach gefragt warum ich auf einen Rückruf warten musste. Deswegen wäre es völlig ok gewesen wenn man mir z.B. gesagt hätte:
- Entschuldigung, ich war eben mal schnell für meine Frau Blumen kaufen. Einfach so. Hab mir mal die halbe Stunde Zeit genommen.
- Entschuldigung, war grade nicht im Büro. Ich habe hier am Bürofenster gestanden und unten eine ältere Dame gesehen die Probleme hatte über die Straße zu kommen. Der habe ich mal eben schnell geholfen.
- Entschuldigung, ich hatte grade mal bei 9live ein paar Anrufe gemacht. Bin im Moment etwas klamm in der Kasse.
- Entschuldigung, mir ist vorhin ein Vogel gegen die Fensterscheibe meines Büros geflogen und ist bewusstlos auf dem Fensterbrett liegen geblieben. Erst habe ich versucht ihn mit Mund-Zu-Schnabel-Beatmung zu retten, dann habe ich ihn doch noch in die Tierambulanz gebracht. Leider konnten wir ihn nicht retten, sein Genick war gebrochen. Die Beerdigung findet im engsten Kreis seiner Freunde übermorgen auf der Zentraldeponie statt.
Jede noch so abstruse Ausrede und Notlüge wäre mir lieber gewesen als der Satz:
“Entschuldigung, war grade auf Klo. Ich habe einen entsetzlichen Durchfall. Wahrscheinlich eine Magendarmgrippe oder so.”
Manche Dinge will man gar nicht wissen. Auch wenn der andere meint, dass sie für sein Gegenüber fürchterlich interessant sind.

