Verbloggt und zugenߤht

10. August 2006

Die WAZ hatz. Und zwar Blogs, genauer gesagt Weblogs. Die WAZ weiß auch ganz genau was ein Weblog ist, nämlich ein Tagebuch im Internet.

Seit neuestem Bloggen nun Redakteure bei WAZ-Online. Beim Lesen der Blogs drängt sich mir der Verdacht auf, dass die meisten Redakteure morgens mit dem Gedanken “Hilfe, ich habe ein Weblog” aufstehen. Offensichtlich von einem der vielen Häuptlinge dazu verdonnert ein Weblog zu führen, haben die ersten bloggenden Redakteure sogleich ihren Blog-Einstand gegeben. Und sind genauso schnell wie sie verdonnert wurden, auch wieder von der Weblogfront verschwunden. Ich persönlich finde es schon recht erstaunlich das man bei mehr als 300 Redakteure, deren Beruf ja das Schreiben ist, kaum mehr als eine Hand voll in den Blogkeller abkommandieren konnte. Derzeit sind es 10 Redakteure und Redakteurinnen die bei der WAZ unter dem Thema “Essen gebloggt” mehr oder minder engagiert schreiben.

Weitere 30 “WAZ-BloggerInnen” schreiben schon etwas länger in 9 Rubriken. Die WAZler geben sich dabei sehr sportlich (3 Rubriken zum Thema Laufen), tierlieb und reiselustig. Da die Beiträge dort eher am Rande etwas mit Blogs zu tun haben, fallen sie zwar irgendwie unter das Themengebiet “Weblogs”, heißen aber anders. Könnte daran liegen, dass sie very special interrests verfolgen. Etwas, dass die Weblogs unter “Essen gebloggt” anscheinend nicht machen. Obwohl die Weblogs zu den Themen Cranger Kirmes und Schützenfest auch very special interrests sind und … ach ist das kompliziert bei der WAZ.
Einfach gesagt: Es gibt bei der WAZ so Dinger die man krampfhaft Weblog genannt hat weil einem nichts besseres mehr eingefallen ist und sie irgendwie ja auch so nen bissken Weblog sind weil man kann ja unter jedem Artikel einen Kommentar abgeben und … und dann wird man von der Redaktion angepöbelt weil man nicht beim Thema geblieben ist!

Jo, genau so ist das bei den WAZ-Blogs. Man könnte kommentieren, wenn man denn das richtige zu sagen hat. Abweichler, also solche die nicht Themen-Liniengetreu sind, so thematische Dissidenten, diese Themenrevoluzzer (wahrscheinlich langhaarige Blogger aus Klein Bloggersdorf), die werden prompt mit einer Rüge aus der Redaktionschefetage zurecht gestutzt.
Der Kommentar auf dem sich die Rüge bezieht, hat es aber auch gleich doppelt in sich. Nicht nur das er fremden Content aus der TAZ (TAZ, nicht WAZ!) zitiert, er spielt auch noch auf den derzeit im Nahen Osten schwellenden Konflikt zwischen Israel und Libanon ab. Und das auch noch, man halte seine Tastatur fest, ausgerechnet im Blog von Frau Dr. Edna Brocke, ihres Zeichens Leiterin der Synagoge in Essen.

Das Profil von Frau Dr. Brocke könnte spannende Diskussionen versprechen. Schließlich hätte sie spannende Gesprächspartner. Zum Beispiel Mohammed Masri. Oder auch Borak Copur. Sollte sich Frau Dr. Brocke mit diesen Gesprächspartnern überfordert sehen, immerhin war sie “nur” im theologischen Dialog zwischen Christen und Juden engagiert, dann wären da ja noch Markus “Feinstaub” Pottbäcker und Irmenfried “Chaos” Mundt. Betrachtet man die (beruflichen) Hintergründe der Blogger, ähm … Redakteure die derzeit bei der WAZ bloggen, ähmmm … schreiben, dann könnte man sich spannende Themen, spannende Diskussionen und evt. sogar informative Texte erwarten.
Schaut man sich allerdings die Profile der Blogger, ähm … Redakteure an, dann wird einem sehr schnell klar welche Zielgruppe die WAZ mit ihren Blogs ansprechen will. Es sind nicht die langhaarigen Bomben-Blogger aus Klein Bloggersdorf dürfte sich dabei nicht um den typischen Blogger irgendwo zwischen 20 und ende 30 handeln. Eher die Gruppierung welche das Blog “St.Christianen-Stift - Das Heim zum lustigen Herzinfarkt” bevorzugt. Dementsprechend ist auch keine Diskussion in den WAZ-Blogs erwünscht. Lieber wäre den WAZlern eine Kopie einer gewissen Lounge, wo es vor Lobhuddeleien in den Kommentaren nur so wimmelt. Applaus ist halt einfacher zu verwalten als kritische Kommentare.

Man kann mir nun Voreingenommenheit vorwerfen. Ich hätte ja eh immer nur was zu meckern und wäre nie mit irgendwas zufrieden. Aber das was die WAZ da abliefert, ist schlichtweg peinlich bis indiskutabel. Geht man mit einem solch großen Rummel an den Start wie Katharina Borchert, dann sind die Erwartungen verdammt hoch. Da wurde was von offener Diskussion und Blogs gesagt. Eine angebliche Offensive im Internet sollte gestartet werden. Und vor allem, volle Rückendeckung auf ganzer Linie. Eine große Community wollte man möglichst schnell bilden.
Was ist davon geblieben? Devensives abBloggen aus den Redaktionsräumen und halbherzig dahingeschmierte Geschichten aus dem langweiligen Leben unausgelasteter Sauerländer. Ein paar alternde Redakteure und Gastautoren, die krampfhaft zu erklären versuchen wo “der ber” herkommt und den Zwangsweisen Einbau von Klimaanlagen in Autos zur Senkung der Unfallzahlen fordert. Autoren die nach dem Motto “Write and forget” publizieren, die im Kopf noch Zeitung sind, nun aber von oben herab ins interaktive Internet gezwungen werden. Völlig überfordert mit den einfachsten Kommentaren, unfähig auf Reaktionen der Leser zu reagieren. Journalisten-Autisten welche selbst bei Instant-Apllaus vor Schreck zusammenzucken und sich unter ihren Schreibtischen verkriechen. Community geht anders. Kommunikativer, offener, lebendiger.
Fern ab jeglicher Diskussion, abgeschnitten vom Internet, ohne jeglichen Bezug zu Blogs außerhalb der WAZ dümpelt die angeschlagene Fregatte WAZ gradewegs auf die Klippen zu. Der vom prominenten Berater-Team angekündigte Kurswechsel scheint unmöglicher denn je, eher sieht es so aus, als wenn die Berater abgetaucht sind und Katharina Borchert zum Wasserschöpfen unter Deck verdonnert wurde. Spannend, informativ und neu sieht anders aus. Ganz anders. Und Weblog ist auch was anderes als das was da bei der WAZ veranstaltet wird.
Wie soll man auch aus einem konservativen, alternden, mit Springer liebäugelnden, auf Beutezug programmierten Blatt eine schnittige Rennyacht machen? Wahrscheinlich genau so, wie es einige wenige, entgegen den Lobgesängen zum Start von WestEins (oder whatever) bereits gesagt hatten: Gar nicht.

Aber was solls. Ich kann ja eh nur meckern. Und Ahnung hab ich auch von gar nichts. Das kommt schon noch. Deadline ist ja erst in 6 Monaten, bis dahin wird man vielleicht auch in der Lage sein mal auf den einen oder anderen Kommentar anders zu reagieren, als ihn ins Forum zu verdonnern.

Nachtrag:

„Widersprich mir doch einmal, damit ich merke, dass wir zu zweit sind“ – der Überlieferung nach hat der griechische Philosoph Xenokrates diese Worte einst an einen Gesprächspart­ner gerichtet. Wer mit Frau Dr. Edna Brocke spricht, hat nicht das Gefühl allein zu sein, son­dern einen Dialog zu führen. Im Austausch mit ihr lernt er eine andere Position kennen und sieht seine eigene Position klug und kritisch hinterfragt.
Quelle

Frau Dr. Brocke scheint mit Widerspruch im Blog Probleme zu haben. Da fühlt man sich als Kommentator verdammt alleine. Vielleicht muss man sich dazu aber erst ins Forum begeben um seinen Widerspruch los zu werden. Dort wird der Widerspruch von der Redaktion hin auf seine Plausibilität, korrekte Rechtschreibung, Themenbezogenheit, Verfügbarkeit von Diskutanten und rechtmäßigkeit des Widerspruchs geprüft. Anschliessend wird ein Redakteur dazu verdonnert den Widerspruch irgendwie zu bearbeiten und das Thema geschlossen. Verdammich. Wo im Forum muss ich nun meinen Widerspruch posten damit ich mich nicht so alleine fühle?

Ralf

Es existieren 21 Kommentare für diesen Eintrag:

1
WAZsolls schrieb:

Ist ok Tom Diner, Danke!

2

[...] Wenn man davon ausgeht, dass die meisten Lokalredakteure der WAZ nicht unbedingt eine große Affinität zum Medium Internet haben und der Begriff Blog noch nicht zu jedem durchgedrungen ist, erscheint dies als große Aufgabe. Das was die WAZ bisher an Blogs anbietet, hat z.T. schon skurrile Züge (Diskussion hier und hier). Die Beiträge schwanken zwischen Sonntagspredigt und nur einer Überschrift. Zum kommentieren muss man sich erst registrieren, was wohl die meisten die auf diesen Gedanken gekommen sind spätestens abschreckt. Das diese Strategie nicht unbedingt der Renner ist, ist aber jetzt auch wohl bei der WAZ angekommen. [...]

3
Bernd Kassner schrieb:

Also, nix gegen eine gute Sonntagspredigt… (siehe meinen Kommentar unter dem SPD-Blog)

Aber ist es nicht herrlich, dass die SPD-Genossen nach fünf, sechs Wochen auch gemerkt haben, dass bei der WAZ gebloggt wird?

Sie hätten es sogar schon früher merken können, aber können mit der Relevanz von Blogs (noch?) nichts anfangen. Ins Startteam wurde nämlich auch Rolf Hempelmann eingeladen, SPD-Genosse und Chef von Rot-Weiß Essen. Der hatte aber keine Lust.

4
Ralf schrieb:

Warum ist der Kreis der Blogger bei der WAZ überhaupt so ellitär? Clubs in denen man nur auf Einladung oder nach Abgabe sämtlicher persönlicher Daten rein kommt, sind mir grundsätzlich suspekt (und ein wenig unsympathisch). Vielleicht geht es dem einen oder anderen “Genossen” genauso.

Und überhaupt: Warum hat mich niemand gefragt??? Ganz große Sauerei. Echt gezz. ;)

5
Bernd Kassner schrieb:

Elitär? Ob ich das mal als Kompliment werten soll, dass wir womöglich so viele gute Leute dabei haben? Ich bin ja ein immer sehr positiv denkender Mensch…

Das mit dem “Daten-Schutz” bzw. der Einladung finde ich gut. Ich habe keine Lust, gleich zu Anfang, wo wir hier mit einem guten Dutzend Leute bloggen, beispielsweise von 20 Neonazis “übernommen” zu werden und in deren braunem Sumpf mit meinem Blog unterzugehen. Mir reichen da schon die paar Spinner zum Aufpassen, die sich im WAZ-Forum tummeln.

Aber auch CDU- oder SPD-Ortsvereine sollten sich da erst mal nicht geschlossen einbloggen können, das schreckt sonst “normale” Blogger doch sehr ab. Im Essener WAZ-Forum sind jede Menge SPDler zugange (und bashen sich meist gegenseitig), aber da sind auch schon so viele andere Teilnehmer, so dass die Genossen nicht so sehr als solche auffallen.

Und was das Mitmachen angeht: Ralf, dies ist eine Einladung. Eine ganz herzliche.

(PS: Die Genossen sehen das, glaube ich, nicht so. Die pennen einfach nur. Aber vielleicht wird ja mal einer wach…)

6
Ralf schrieb:

Ich glaube es war der supatyp der sich mal bei der WAZ um ein Blog beworben hatte und bis heute keine Antwort bekam.
Ich hatte auch mal mit dem Gedanken gespiet mich um ein Blog zu bewerben. Hatte es dann aber sein gelassen. Auch wenn ich die Gründe nachvollziehen kann, finde ich es etwas abschreckend sich erst bewerben zu müssen um mitmachen zu können. Deswegen meinte ich es sei ein “elitärer Club”.

Die Einladung möchte ich derzeit aus Zeitgründen ausschlagen. Es sind wirklich Zeitgründe, keine Antipathie oder ähnliches.
Allerdings frage ich mich weiterhin, warum die WAZ nicht einfach einen Server aufgesetzt hat auf dem jeder ohne große Anmeldeprozeduren mitmachen kann. Ja klar, da sind natürlich so Argumente wie die Kontrolle wer sich da nicht alles anmelden würde.
Aber dann müssten alle großen Blogplattformen ja die reinsten Sammelbecken für Gesocks aller Art sein. Das dem nicht so ist, dürfte an den Selbstregulierungsmechanismen des Internets liegen.
Leider scheint die WAZ so eine Art Kontrollzwang zu haben. Kann ich in gewisser Weise verstehen. Wenn man eine Zeitung raus bringt, dann ist man für die Inhalte auch redaktionell verantwortlich. Deswegen aber auch mein Vorschlag mit der eigenen Plattform auf einem eigenen Server. So könnte man das eine vom anderen rechtlich trennen. Und das Interessante ggf. in den Online-Auftritt der WAZ übernehmen. Die Vorbilder hierfür waren mit Twoday.net und mindestenshaltbar.net bei den ersten Sondierungsgesprächen doch anwesend.

Ich denke ein großer Reiz des Internets ist halt das ich nicht kontrolliert werde. Es ist nicht nur ein großer Reiz, diese Freiheit enthält auch ein großes Potential.
Wenn die WAZ weiterhin so denkt das sie erst wissen will wer was worüber schreibt, dann wird Katharina Borchert noch einen sehr langen und harten Weg vor sich haben.

Da ich selber keine Zeit zum WAZ-Bloggen finde, ein Vorschlag zur Güte: Ein weiteres Blog aufmachen in dem man, nach Absprache mit den Autoren, gute/schöne/interessante Beiträge aus anderen Blogs postet. Auch diese Idee ist nicht neu, man findet das Vorbild hierzu auf epicore.de
Ich denke viele Blogger werden sich geehrt fühlen wenn einer ihrer Beiträge mal bei einer großen Zeitung erscheint. Den WAZ-Redakteuren wird doch wohl mal der eine oder andere Artikel aufgefallen sein, oder? Da müsste sich doch genügend Material finden lassen.

Schließlich heisst eine der goldenen Bloggerregeln: Vernetzen, vernetzen, vernetzen und immer schön an die Links denken ;)