Mal merken
08. September 2006Dieses MHD, welches auf allen Lebensmitteln aufgedruckt ist und dem Verbraucher sagen soll bis wann er denn mal reingebissen haben sollte (keine Angst, es geht jetzt nicht um Gammelfleisch), kann man bei manchen Lebensmitteln auch mal getrost ignorieren.

Ich denke da gerne an die Hartkekse aus der Bundeswehrverpflegung. Die Standardbundeswehrfeldverpflegung besteht aus einem Karton welcher mit allerlei Leckereien gefüllt ist. Unter anderem: Zwei schmackhafte Fertiggerichte in Aluschale, Schokolade (Zartbitter), Wurst, Konfitüre, Butterersatzstoff (Margarine oder so), Kaffee, Tee, Instant Orangen- oder Zitronengetränk, Zucker, Salz, ein paar Mülltüten, Kaugummis, Klopapier, Taschentücher, Kondome, Trockenbrennspiritus. Halt alles was man für ein beschauliches Picknick unter Gefechtsbedingungen benötigt. EPA nennt die Bundeswehr diese Art der Feldverpflegung. In Anbetracht der regulären Verpflegung aus der Küche, bei der selbst Reeperbahnerprobte Mägen die weiße Flagge schwenkten, waren die EPAs bei vielen Mitgliedern der Wandergruppe Boostedt Nord heiß begehrt.
Aufmerksame LeserInnen werden sich nun fragen wozu es Wurst und Konfitüre gibt, wenn man nichts hat wo man es drauf tun könnte.
Früher, als man die Bundeswehr unter neuem Namen neu eröffnete, da gab es noch Brot in Dosen. Heute packt Vater Staat, fürsorglich wie er ist, stattdessen jeweils eine Packung Hartkekse als Brotersatzstoff bei.
Damals, als ich mein Pflichtjahr bei diesem lustigen Blumenpflückerverein ableistete, da lachten wir noch über das aufgedruckte MHD. Waren es doch die ersten der 1990er Jahre, das MHD hingegen versprach Geschmack bis weit ins Jahr 2010. Oder 2020. Manche munkelten, das sich erst Captain Kirk fragen müsse ob er den Inhalt des EPAs noch essen kann oder nicht. Es fand sich leider kein Aufdruck MHD: Sternzeit 237902,28 um diese Theorie auch nur Ansatzweise zu bestätigen.
Es war schon ein wenig unglaubwürdig das ein Reisgericht in Aluschale auch in 20 Jahren noch in etwa die gleiche Konsistenz, geschweige denn annähernd den gleichen Geschmack hätte. Ausgenommen bei den Hartkeksen. Denn die fielen auch nicht unbedingt unter das Label “Lebensmittel”. Würde man es genau nehmen, müssten Hartkekse unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen.
Der gewöhnliche Hartkekse in seinem natürlichen Habitat, eine silberfarbene Alu-Folienverpackung, ist für den Bundeswehrsoldaten so etwas wie die Symbiose aus Schweizer Armeemesser und Leatherman Tool. Es gibt fast nichts, was man mit einem Hartkeks, oder einer ganzen Packung Hartkekse, nicht machen könnte.
Mit etwas Bundeswehr-Schuhcreme bestrichen, eignet sich ein Hartkeks prima als Grillanzünder. Mangelt es an Grill und Kohle, kann man aus 3 Packungen Hartkeksen ein prima Lagerfeuer machen und das Reisgericht mit dem MHD The Day Hell Freeze Over aufwärmen. Mit Hartkeksen kann man, sofern man mit einer Feile eine Kante ein wenig abwinkelt, auch super Autoscheiben von lästigen Eis befreien. ChrrrrChrrrrChrrrr – eher geht die Scheibe zu bruch als der Hartkeks.
Etwas praxisnäher ist die Verwendung der Hartkekse als Handgranatenersatz. Findet man die blöden olivgrünen Handgranaten nach dem Übungswurf aufgrund ihrer Tarnfarbe oft nur nach langem Suchen wieder, ist dies bei den silbrigen Hartkeksverpackungen ein Leichtes. Es ist aber unbedingt darauf zu achten im simulierten Zielgebiet die Stahlhelmtragepflicht einzuhalten. Ansonsten kann so eine Handgranatenwurfübung mit Hartkeksen für den Getroffenen schnell mal im Bundeswehrkrankenhaus enden. Nach den Handgrantenwurfübungen kann man die Hartkekse auch noch als Bremsklötze für defekte Geländewagen verwenden. Oder man verschanzt sich, ausreichend Hartkeksevorrat vorausgesetzt, kugelsicher hinter einen Wall aus Hartkeksen. Könnten Hartkekse Schimmel ansetzen, er wäre Fleckentarnfarben.
Sollte noch jemand aus irgendwelchen Gründen eine Packung Hartkekse zu Hause haben, dann muss man diese nicht unbedingt weg werfen. Die darf man wohl auch nicht so einfach in die Mülltonne werfen. Die muss man als Bauschutt fachgerecht entsorgen.
Aber auch dies kann man geschickt umgehen, denn es gibt zivile Verwendungsmöglichkeiten für Hartkekse. Während ich irgendwo in Norddeutschland lustige Partys mit lustigen Leuten in einsamen Wäldern feierte, erblickte mein Neffe das Licht der Welt. In langen Reihen von verzweifelten Experimenten wie man ein zahnendes Kind ruhig stellen könne, steckte ihm irgendjemand einen aus BW-Zeiten übrig gebliebenen Hartkeks in den Mund. Und siehe da, mein Neffe freute sich. Der mochte die Dinger tatsächlich. Bis heute ist ungeklärt was er an den Dingern mochte. Sie haben die Konsistenz von antiken Ziegelsteinen und bestehen zu 100% aus Wasser und Mehl, welches zu einer abartig harten Platte verbacken wurde. Zahnende Kleinkinder sind doof und haben keinen Geschmack. Dafür kann man sie mit Hartkeksen für ein paar Stunden glücklich machen.
Offensichtlich findet der Hartkeks auch in der Homöopathie Verwendung. Als was oder wozu, darüber schweigt sich diese Webseite aus. Dafür beschreibt sie den Hartkeks aber sehr richtig mit den Worten “[Der Hartkeks] ist eine extrem harte und nährstoffreiche Kekssorte, welche sich dadurch auszeichnet, dass sie gegen Nässe und Zerbrechen relativ unempfindlich ist und sehr schnell satt macht [...]”
Wahrscheinlich verschreiben Homöopathen Hartkekse bei hoffnungslosen oder lästigen Fällen mit dem Hinweis “Nehmen sie davon einen und kommen Sie wieder wenn Sie ihn aufgegessen haben”
Der eigentliche Grund warum ich mich heute an die wundervolle Welt der Bundeswehrverpflegung erinnert habe, waren die Lebkuchen und Marzipan-Dominosteine die ich im Küchenschrank fand und die mich an ein vergessenes Experiment erinnerten. Denn ursprünglich wollte ich in dieser Grillsaison mal gegrillte Lebkuchen ausprobieren. Zu diesen Zweck bunkerte ich letztes Weihnachten die letzten erhältlichen Lebkuchen und Marzipan-Dominosteine. Dachte ich damals doch, welche Überraschung es wäre zum Würstchen vom Grill ein paar Lebkuchen aufzutischen. Allerdings war dieser Sommer kein verregneter und kühler Sommer wie all die anderen. Er war erbärmlich heiß und bei 30 Grad in der Nacht war mir nicht nach gegrillten Lebkuchen.
Da ich aber auch nicht der Typ bin der Lebensmittel einfach so weg wirft nur weil das MHD um knappe 4 Monate abgelaufen ist, machte ich verschiedene Probebisse in die durchaus noch ansehnlichen Gebäcksorten. Vorab sei gesagt, es geht mir gut. Es war nicht giftig und roch auch nicht anders als im Dezember 2005. Aber ich bin mir nun sicher das man für abgelaufenes Weihnachtsgebäck so eine Art Sondererlaubnis zur Aufbewahrung oder einen Waffenschein besitzen muss. Das Zeugs ist nach Ablauf des MHD weit jenseits von Gut und Böse. Man könnte mit den Dominosteinen durchaus die Fensterscheiben des Nachbarn einwerfen. Und die Lebkuchen wollte ich spontan dem örtlichen Leichtathletikverein, Unterabteilung Diskuss, spenden. Die Schoko-Lebkuchenherzen waren hart wie das Herz eines Politikers. Zu allem möglichen verwendbar, nur nicht mehr für den Verzehr geeignet.
Es gibt Dinge, die sollte ich nicht selber austesten. Zum Beispiel ob man das MHD bei Weihnachtsgebäck genauso ignorieren kann wie das MHD bei Hartkeksen. Aber die Nachbarskinder sind schon groß und zahnen nicht mehr. Ausserdem waren sie grade nicht da. Aber beim nächsten mal sind die dran. Es ist ja mittlerweile frischer Nachschub an Weihnachtsgebäck in den Läden eingetroffen. Morgen geh ich los um etwas zum Einlagern zu kaufen, nächstes Jahr berichte ich dann wie die gegrillten Lebkuchen geschmeckt haben. Versprochen.


Jaja, die E-Pa’s waren doch schon was.
Ich durfte damals öfter mal solche Verpflegung zu günstigen Preisen an die Bevölkerung verkaufen.
Man musste ja die Lager immer mal wieder umwälzen.
Dabei war immer der große Renner die U-Boot-Verpflegung, die es (logischerweise) auch nur in manchen Küstenstandorten gab.
Das waren dann meistens komplette Gerichte, die man nur aufwärmen brauchte. Und die waren geschmacklich gar nicht so schlecht. Eigneten sich prima beim Zelten für die schnelle Nahrungsaufnahme.
Herrlich! *lachend zusammenbrech*
Ich war nie beim Bund, aber diese Panzerplatten in Silberfolie fand ich als kleines Kind auch ganz toll…
[...] … setzt Ralf drüben auf neun12.de (siehe auch de.wikipedia.org). Und es gibt auch etwas über spannende Experimente rund um das Thema “MHD” (”Mindesthaltbarkeit”) zu lesen. [...]
Die homöopathische Wirkung kann ich Dir sagen, nachdem ich vor einigen Jahren mal mangels anderer Verpflegung und Geld eine ganze Packung von den Dingern in mich reingestopft habe: Sie wirken wie extrem hoch dosiertes Immodium. Ideal bei schwere Durchfallerkrankungen (Kongo…)! Als ich nach drei Wochen endlich wieder *k…* konnte, habe ich mir geschworen, niemals wieder diese Kekse anzufassen. Habe es sogar durch meine Wehrdienstzeit hindurch geschafft und bis heute durchgehalten. Aber ich nehme bestimmt eine Packung mit, wenn ich demnächst mal wieder nach Ägypten fliegen sollte – da hätte ich die heilsame Wirkung der Kekse gut gebrauchen können
Mein Bruder hat sich beim Bund aus den “Keksen” einen “Lage”anzeiger gebastelt. Eine Wandhalterung für zwei Kekse nebeneinander – Kekse mit 0-9 beschriftet und täglich feierlich gewechselt.
Der dubbelige Spiess fand’s nicht komisch, weil es sich angeblich um “zweckentfremdete” Lebensmittel handelte. Lösung: die Kekse mussten weggeworfen werden (damit waren sie dann wohl ihrer korrekten Bestimmung zugeführt worden)