Hilfe
02. Dezember 2009In meinem Leben habe ich so einige Erste-Hilfe-Kurse mitgemacht. In der Schule, bei der Bundeswehr, als ich den LKW-Führerschein gemacht habe. Es waren alles keine Kurse die nur ein paar Stunden dauerten, sondern recht intensive Schulungen.
Schnitt-, Schürf- und Platzwunden? Bringen mich kaum aus der Ruhe. Gebrochene Knochen bis hin zum offenen Bruch? Kein Problem, kann man richten. Prellungen, Quetschungen, Hautödeme? Wenn es hilft, tanze ich bei Vollmond nackt mit einer schwarzen Katze auf dem Rücken um eine alte Eiche. Da ich bei der Bundeswehr zum Helfer im Sanitätsdienst ausgebildet wurde, kann ich mit Hilfe meines Handbuches auch Schußwunden, austretende Gehirnmasse und sogar Dehydration unter ABC-Schutz behandeln.
Heute fiel einer der Dachdecker, die unser Hallendach reparieren sollten, einfach um. Keine 5 Meter von mir entfernt. Er fiel aber nicht hin, so wie man es sich vorstellt, mit den Händen nach vorne um den Sturz abzufangen. Oder sackte in sich zusammen und fiel erst auf die Knie. Er fiel einfach nach vorne um, die linke Hand noch in der Hosentasche, der rechte Arm baumelte schlaff herunter. Er kippte einfach der Länge nach vorne über, steif wie ein Baumstamm, knallte mit dem Gesicht ungebremst auf den Hallenboden und blieb regungslos auf dem Bauch liegen.
Drei oder vier von uns standen in unmittelbarer Nähe und begriffen erst einmal gar nicht was passiert war. Da lag er nun auf dem Bauch. Kein Ton gab er von sich, bewegte sich keinen Millimeter. Ein paar Sekunden lang warteten alle ob er nun wenigstens so etwas wie “Aua” von sich geben oder sich gleich wieder aufrappeln würde. Nach der ersten Schrecksekunde gingen wir hin und sprachen ihn an was denn los sei. Keine Reaktion. Nichts. Nicht der kleinste Mucks.
Einer meiner Kollegen drehte den Dachdecker dann um. Er blutete stark aus der Nase, die den Sturz letzten Endes als einzige abgebremst hatte. Die Augen waren nur noch kleine Schlitze, die Pupillen nach hinten verdreht, Speichel floss schäumend aus seinem Mundwinkel. Jeder Versuch ihn anzusprechen führte höchstens zu einem leisen Blubbern aus seinem Mundwinkel.
Mein Arbeitskollege und ich kümmerten uns so gut wie wir konnten um den Mann. Organisieren etwas zum unterlegen damit der nicht auf den kalten Hallenboden liegt, schreien unseren Lagerleiter zu er solle einen Krankenwagen rufen und versuchen den Dachdecker in eine stabile Seitenlage zu bringen. Dies ist aber so gut wie unmöglich. Er ist steif wie ein Brett, seine linke Hand steckt immer noch in der Hosentasche. Während ich seinen Kopf halte läuft das Blut weiter in Strömen aus der Nase über sein Gesicht in meine Hand. Jegliche Ansprache ist vergeblich, mehr als ein Röcheln ist nicht zu hören. Völlig ratlos frage ich seinen herbei geeilten Kollegen ob der Dachdecker denn vielleicht etwas am Herzen hätte, was der Kollege verneint. Zumindest wüsste er nichts davon. Aber selbst wenn er mir die komplette Krankengeschichte hätte herunter beten können, was hätte es in diesen Augenblick genutzt.
Da macht man etliche Erste-Hilfe-Kurse mit, lernt mit Kompressen und Verbände umzugehen, versorgt beinahe regelmäßig Kollegen die sich irgendwelche Schnitt-, Schürf oder Brandwunden zugezogen haben. Dann kippt einer einfach um und hat was ernstes und du stehst da wie der Ochs vorm Berg. Völlig rat- und planlos.
Irgendwann halte ich es nicht mehr aus und gehe aus der Halle raus. Meine Kollegen versuchen den Dachdecker in eine halbwegs stabile Position zu halten, von der sie vermuten das sie die beste für ihn ist. Was jedoch genau zu tun ist, weiß keiner von uns. So stehen wir völlig ratlos rum und warten auf den Krankenwagen.
Ich gehe in den Waschraum und wasche mir das Blut von der Hand. Um nicht auch noch völlig nutzlos neben dem Dachdecker zu stehen, stelle ich mich an die Straße damit der Krankenwagen die Einfahrt nicht verpasst. Eine gefühlte Ewigkeit später taucht der Krankenwagen dann tatsächlich auch auf. Eher gemütlich, zwar mit eingeschalteten Blaulicht, jedoch ohne Martinshorn, kommt der Krankenwagen angefahren. Als ich den Krankenwagen einweise, macht der Beifahrer das Fenster auf und fragt fast schon gelangweilt “Und weiter?”
Der Fahrer parkt den Krankenwagen vor der Halle, die beiden Sanitäter steigen routiniert aus und gehe ruhigen Schrittes in die Halle zum Dachdecker. Man hätte fast den Eindruck gewinnen können die beiden nehmen die Sache nicht so richtig ernst. Jedoch reichte ein Blick auf den Mann am Boden das einer der beiden Sanitäter zum Krankenwagen zurück sprintet und den Notarzt alarmiert. Ab diesen Zeitpunkt wurde es hektisch.
Warum die beiden Sanitäter die Ruhe selbst waren als sie bei uns eintrafen, erklärte sich dadurch, dass unser Lagerleiter beim Absetzen des Notrufes lediglich meinte das jemand hingefallen sei und nun aus der Nase bluten würde. Als dann die Frage kam warum das denn ein Notfall wäre, meinte er, dass der Mann auch nicht so richtig ansprechbar wäre. Man solle bitte mal (!) einen Krankenwagen vorbei schicken.
Die Sanitäter beginnen umgehend mit der Reanimation, versorgen den Dachdecker mit Sauerstoff und fragen ob man mehr Licht machen könnte. In aller Eile wird ein Arbeitsscheinwerfer aufgebaut. Kurze Zeit später trifft der Notarzt ein, diesmal mit Blaulicht und Martinshorn. Es ist auch nichts mehr von routinierter Ruhe zu spüren, alles wirkt ein wenig hektisch. Fast eine Stunde lang kämpfen die Sanitäter und zwei Notärzte um das Leben des Mannes der da am Boden liegt. Mittlerweile ist es dunkel geworden, lediglich der Arbeitsscheinwerfer taucht die Szenerie in ein gespenstisch grelles Licht.
Da wir ohnehin nichts tun konnten, schlossen wir die LKWs und Hallen ab, sammelten unsere Plörren zusammen und machten den Betrieb feierabendfertig. Zwischenzeitlich sind auch noch zwei Polizisten eingetroffen, langsam kam die Befürchtung auf, dass als nächstes der Leichenwagen kommt.
Es ist war zwar ein komisches Gefühl, da wir aber nichts weiter tun konnten, vom Zuschauen mal abgesehen, machten wir Feierabend während die Sanitäter und Notärzte weiter um das Leben des Mannes kämpften.
Ich denke dieser Tag und was heute geschah wird mich noch eine Weile beschäftigen. Man hat mir zwar beigebracht wie man Schusswunden behandelt, ab wie viel Prozent verbrannter Haut es lebensgefährlich wird, wann und wie man jemanden aus einem verunglückten Auto rettet oder was bei einem offenen Schienbeinbruch zu tun ist. Aber irgendwie hat mir nie jemand gesagt woran man z.B. einen Herzinfarkt erkennt und was dann zu tun ist. Etwas verwunderlich, denn schließlich sterben jedes Jahr mehr Menschen an einen Herzinfarkt als an einen offenen Schienbeinbruch. Und nicht wenige sterben an einem Herzinfarkt weil er nicht als solcher erkannt wird bzw. weil keiner weiß wie man in so einer Situation Erste Hilfe leistet.


Ich hoffe, es geht allen Beteiligten – insbesondere den kranken Dachdecker wieder gut. Ich bin froh, noch nicht in einer solchen Situation gewesen zu sein.
Und wer sowas noch nicht erlebt hat, kann schnell behaupten, was man alles “richtiges” tun hätte müssen.
Leider ist der Dachdecker gestern noch vor Ort verstorben.
Schlimm sowas zu lesen. Auch wenn ich ihn nicht kannte tut es mir leid.
In solchen Fällen ist vor allem die richtige Meldung an die Rettungskräfte entscheidend. Wenn bei der Alarmmeldung die Stichworte “bewusstlose Person, nicht ansprechbar, Verdacht auf Herzinfarkt” gefallen wären, wäre der Notarzt direkt alarmiert worden. Das können (müssen aber nicht) die entscheidenden Minuten sein…