Rotkehlchenalarm

21. Dezember 2009

Seit Freitag 16 Uhr gehöre ich ebenfalls zu der glücklichen Fraktion der Vorweihnachtsurlauber. Die ersten zwei Tage meines Urlaubes habe ich damit verbracht das Bett zu hüten und zu schlafen. Nachholen was in den letzten Wochen zu kurz kam. Heute wollte ich mich dann um andere liegen gebliebene Dinge kümmern. Duschen und Lüften zum Beispiel.
Schnell mal nackich gemacht, die Balkontür aufgerissen und unter die Dusche gehüpft. Nach dem Duschen spürte ich bereits beim Öffnen der Badezimmertür das dass Lüften zu einer stark gesunkenen Raumtemperatur in der ganzen Wohnung geführt hatte. Also noch mit nackten Hintern ins Wohnzimmer gelaufen und schnell die Balkontür geschlossen damit es möglichst schnell wieder kuschelig warm wird in den vier Wänden. Nachdem ich meine Blösse mit passender Kleidung bedeckt hatte, verlangte es mich nach einer Tasse heißen Kaffees. Als ich jedoch in die Küche ging, stand ich mit einem Bein auf des Todes Schippe wegen Herzinfarkt durch Schreck und Schock.
Da flatterte ein etwa faustgroßer, brauner Vogel durch meine Küche und versuchte mit seinem Kopf die Fensterscheiben einzurammen. Während ich eine heiße Dusche genoss, hatte sich der Vogel offensichtlich dazu entschlossen durch die sperrangelweit geöffnete Balkontür in meine Wohnung zu fliegen, diese von oben bis unten nach fressbarem abzusuchen und letzten Endes meine Küche zu plündern. Dummerweise hatte ihm niemand beigebracht das man nur durch geöffnete Fenster fliegen kann, bei geschlossenen Fenstern hat es zwar den Anschein als wenn man hindurch fliegen könnte, es geht aber real gesehen nicht. Außer man ist ein Stein, die können auch durch geschlossene Fenster fliegen. Der ständig wiederholte Versuch es dennoch und damit es einem Stein gleich zu tun, führt jedoch, zumindest bei Vögeln, zu Todesangst und evt. auch zu Kopfschmerzen.

OK. Die Todesangst hatte der Vogel wohl erst nachdem er mich erblickte. Vorher war es mehr so etwas wie Verzweiflung. Nach dem ersten Schreck  begab ich mich mit möglichst ruhigen Bewegungen zum Küchenfenster, öffnete dies und versuchte die davor befindliche Jalousie hoch zu ziehen. Dies war der Augenblick in dem mich Murphy’s Gesetz wie ein Blitz traf, denn anstatt sich mit einem Ruck nach oben zu bewegen, verhakte sich die Jalousie weil sie am Fensterbrett fest gefroren war.
Während ich mit der verklemmten Jalousie beschäftigt war, beschloss der Vogel, welcher sich bei näheren Betrachtung als Rotkehlchen entpuppte, Todesangst und Verzweiflung kurzzeitig zu ignorieren und die Küche schlagenden Flügels zu verlassen um mich mit meinem Problem der verklemmten Jalousie alleine zu lassen. Das Rotkehlchen dachte sich, dass es besser wäre genau da wieder raus zu fliegen wo es rein geflogen ist anstatt darauf zu warten bis der Depp , also ich, die verklemmte Jalousie entwirrt und somit die Flugbahn frei gemacht hat.

Kaum hatte ich die Jalousie entwirrt und beide Küchenfenster speerrangelweit offen, bemerkte ich die Planänderung des Rotkehlchens. Nun hörte ich aus dem Wohnzimmer hastiges Flügelschlagen und dumpfe Schläge auf poliertem Fensterglas. Flinken Schrittes eilte ich ins Wohnzimmer und sah wie das Rotkehlchen versuchte nun die Balkontür, welche ich ja bereits nach dem Duschen wieder verschlossen hatte, zu demolieren. Zwei Handgriffe später hatte ich das Rollo an der Balkontür hochgerafft und den rechten Türflügel bis zum Anschlag geöffnet. Das Rotkehlchen hatte sich derweil rechts von der Balkontür auf die Verkleidung der Heizung gehockt und wartete auf seine Chance diesen Todestrakt verlassen zu können. Kaum war die Balkontür offen, stürzte sich der kleine Kamikazepilot todesmutig von der Heizung im Sturzflug Richtung Ausgang und prallte schwungvoll vor die geöffnete Balkontür anstatt um sie herum zu fliegen. Dies versuchte das Rotkehlchen drei- bis viermal bevor es wieder auf der Verkleidung der Heizung landete um dort das Gleichgewicht zu verlieren und rückwärts fallend hinter der Verkleidung zu verschwinden.
Gut” dachte ich mir “Lass den bekloppten Vogel mal ne Minute mit sich, der Heizungsverkleidung und der geöffneten Balkontür alleine. Vielleicht kommt er ja von alleine auf die Lösung seines Problems“. Ich ging zurück in die Küche um die immer noch weit geöffneten Küchenfenster wieder zu schließen und ein weiteres Auskühlen der Wohnung zu verhindern. Dabei fiel mir auf, dass der Vogel in seiner Kombination aus Todesangst und Verzweiflung sich sprichwörtlich aus Angst ins Gefieder gemacht hat. Es sah so aus, als wenn bei jedem kraftvollem Versuch die Glasscheibe zu rammen ein bisschen Vogelscheisse aus ihm hinten heraus gespritzt sei. Hier ein bisschen, da ein Klecks und dort ein Fleck. Man mag gar nicht glauben wie viel Vogelkacke in so einen kleinen Rotkehlchen rein passt. Fast so, als hätte der kleine Scheisser drei Tage lang nicht geschissen und nur auf diesen einen Moment gewartet um sich zu erleichtern.

Nach einer Weile begab ich mich wieder ins Wohnzimmer das sich derweil in einen begehbaren Kühlschrank ohne Lebensmittel verwandelt hatte. Ich lauschte ob ich irgendwo einen Flügelschlag oder ein leises “Tschilp” hören würde. Nichts zu hören. Zusätzlich suchte ich auch noch alle Ecken nach einem Kackbraunen, scheißfreudigen und leicht bekloppten Rotkehlchen ab und schloss anschließend die Balkontür um den nahen Erfrierungstod zu entgehen.
Dabei schoss es mir wie Pudding ins Gehirn das der kleine Scheisser im Wohnzimmer wahrscheinlich die gleiche Sauerei angerichtet hat wie in der Küche. Aber bis auf einen kleinen Fleck in der Nähe der Heizung war nichts zu sehen. Offensichtlich ist dem Rotkehlchen schon in der Küche bei den ersten 30 Versuchen die Scheiben einzurammen die Vogelkacke aus dem Leib geprügelt worden. Mit einem feuchten Tuch bewaffnet wollte ich noch schnell die kleine Bescherung im Wohnzimmer beseitigen um dann zum geplanten Tagesablauf zurück zu kehren.
Das feuchte Tuch war noch nicht ganz angesetzt, als ich ein leises Rascheln hinter der Heizungsverkleidung wahr nahm. Reflexartig stürmte ich zur Balkontür, raffte Rollos nach oben und öffnete diesmal beide Türflügel um dem Kamikazepiloten alle Wege offen zu halten. Danach schlich ich mich an die Heizung heran, öffnete die Verriegelung der Verkleidung und nahm diese mit aller Vorsicht ab. Da saß der blöde Kackvogel tatsächlich auf einem der Heizungsrohre und guckte mich blöd an. Ich legte die Heizungsverkleidung sanft auf den Boden und schlich mich rückwärts aus dem Wohnzimmer um dem Mistvieh ja keinen Schrecken einzujagen. Kaum war ich zwei Meter von der Heizung entfernt, hob das Rotkehlchen mit kräftigen Flügelschlag ab und flog im gekonnten Bananenbogen von der Heizung  an der offenen Balkontür vorbei zurück in die Küche. Danke Murphy. Du bist ein Arschloch.

Ich rannte dem Kackvogel in die Küche hinterher, riss die Fenster auf und war froh das die Jalousie noch immer oben war. Dann drehte ich mich um und schrie “KEINE PANIK!! SPATZEN UND ROTKEHLCHEN ZUERST!!” Doch nichts tat sich. Kein Flattern, kein Tschilpen, kein sinnloses Angstgescheisse. Ich gin zurück ins Wohnzimmer um mich zu vergewissern das der Mistvogel sich nicht heimlich dort hin zurück geschlichen hat um seiner Zwangsabschiebung in die Kälte zu entgehen. Aber auch im Wohnzimmer herrschte absolute Stille und kein Vogel war weit und breit zu sehen. Weder in den Ecken noch hinter der Heizung oder unterm Sofa. Also suchte ich noch einmal die Küche ab und entdeckte hinter einen auf dem Kühlschrank befindlichen Karton einen Schnabel der in die Luft gestreckt wurde. Bei genauerer Betrachtung der Sachlage stellte sich heraus das dass Rotkehlchen sich diesmal den höchsten Platz in der Küche ausgesucht hatte und nun toter Vogel spielte. Mir wurde dieses Spiel jedoch schnell zu dumm. Also wedelte ich erst mit den Armen. Dann rief ich seinen Namen, “Kackvogel flieg!“. Ich versuchte es auch mit “FREE WILLIE!!” was der kleine Scheisser jedoch ebenfalls ignorierte. Er spielte weiterhin den toten Vogel und saß da wie ausgestopft. Langsam bekam ich Panik. Spinnen kann man mit dem Staubsauger weg machen. Aber wenn der kleine Scheisser jetzt urplötzlich an einen Herzinfarkt verstorben ist, dann hätte ich ein Problem. So einen großen Staubsauger habe ich nämlich nicht um den Kackvogel vom Kühlschrank runter zu saugen.
Nun benötigte es rohe Gewalt. Ich holte einen Besen und stocherte vorsichtig mit dem Stiel nach dem Vogel. Dieser hielt sein Toter-Vogel-Spiel aber eisern durch. All zu gewaltsam wollte ich jedoch auch nicht vorgehen, nicht das der sich erschreckt und mir geradewegs seine letzte Ladung Vogelkacke ins Gesicht spritzt. Man weiß ja nie. Also stocherte ich vorsichtig weiter nach dem Vogel und tatsächlich, er hatte den Kopf minimal bewegt. Erlebte also noch und hatte den Besenstiel auch bemerkt. Jetzt wurde es mir zu bunt. Gerade als ich ausholen wollte um den Karton vom Kühlschrank zu schlagen, flog der Kackvogel in Sekundenbruchteile vom Kühlschrank durchs geöffnete Fenster direkt in die eisige Freiheit.

Wenn mir noch einmal jemand was erzählt von wegen Fenster nicht auf Kipp sondern weit geöffnet kurz lüften, weil wegen Klima, Umweltschutz und Heizkosten und so, dem werde ich mal was von kleinen braunen Kackvögeln erzählen die in Todesangst die halbe Wohnung zuscheissen um anschließend toter Vogel zu spielen.

Ralf

Es existieren 4 Kommentare für diesen Eintrag:

1
Marco schrieb:

Dann rief ich seinen Namen, “Kackvogel flieg!“.

You made my day!

Scheiße, dass selbst das Lachen wehtut.

PS: da gibt es doch so tolle schwarze Vogel-Aufkleber für die Scheiben. Wäre das nichts?

2
Ralf schrieb:

Stimmt ja, du hast ja auch Rücken ;) (ich lese gerade nach was ich in den letzten 14 Tagen alles verpasst habe. Gute Besserung & Herzlichen Glückwunsch nachträglich)

Die Aufkleber mit den Vögeln helfen ja nur bei geschlossenen Fenstern. Ich bräuchte wenn, dann so einen Perlenvorhang wie man ihn früher in Wohnwagen hatte.

3
Marco schrieb:

2 x Danke!

War auch mehr dafür gedacht, dass der nächste “Kackvogel”, der sich in Deine vier Wände verirrt, nicht wieder versucht, Deine Scheiben zu zerbrechen.

4
Ralf schrieb:

Ach so. Ne, für den Fall werde ich mir eine Pumpgun zu legen und dann aus den Resten Rotkehlchen Süß-Sauer zubereiten ;)