Avatar

27. Dezember 2009

Die Meinungen über Avatar reichen von “Grandioses Kino” über “Geht so” bis hin zu “Schlichtweg schlecht“. Normalerweise schreibe ich nichts über Kinofilme, mein Interesse für das Thema reicht nicht wirklich dazu aus um öfters gehaltvolle Texte zu diesem zu schreiben. Bei Avatar juckt es mir jedoch in den Fingern. Denn ich weiß nicht ob diejenigen, die diesen Film als “grandios” oder auch nur als “gut” bezeichnen, vorher schon einmal irgendeinen Film gesehen haben -und wenn ja, welcher dies war- aber um Avatar zumindest für gut zu befinden, muss man schon mindestens die letzten 20 Jahre Kinogeschichte verpasst haben.Avatar wird mittlerweile, mit Produktionskosten um die 500 Millionen Dollar, als der teuerste Film aller Zeiten angepriesen. Dies erweckt schon einmal hohe Erwartungen, zumal die hohen Produktionskosten angeblich aufgrund bahnbrechenden und revolutionären neuen digitalen Effekten entstanden sein sollen. Vielleicht lag es daran das ich nicht die 3D-Version gesehen habe, vielleicht auch daran, dass es weder etwas bahnbrechendes noch revolutionäres gab, vielleicht habe ich die tollen Effekte auch einfach nicht gesehen. Aber wer meint man würde Kino erleben welches einem aus den Sessel reißt, der wird herbe enttäuscht werden.
Dabei sollte klar sein das es nicht immer die teuerste Effekte sind die einen Film gut machen. Fluch der Karibik (Pirates Of The Caribbean) hatte weitaus bessere Effekte zu bieten, der dritte Teil war zwar ähnlich teuer wie Avatar, jedoch glänzte die komplette Reihe mit grandiosen Szenen wie dem Kampf im Wasserrad. Ob dieser Kampf nun ein Computereffekt war oder real gedrehte Szene, interessiert heute kaum jemanden. Alle drei Filme an sich glänzten mit einer guten Geschichte und noch besseren Schauspielern.
Das was man bei Avatar zu sehen bekommt, mag den eingefleischten Experten ein anerkennendes Nicken hervor locken. Der gewöhnliche Kinogänger dürfte sich die ganze Spielzeit über fragen wann denn nun die tollen Effekte endlich kommen werden. Am Ende bleibt Enttäuschung wenn man feststellt das es nichts umwerfendes zu sehen gab. Wirklich gute Effekte leben vom Moment in dem sie erscheinen, nicht davon das man sie inflationär einsetzt. Bereits nach wenigen Sekunden hat man sich bei Avatar an die computergenerierte Umgebung gewöhnt und vermisst die Highlights.

Einige meinen Avatar hätte zumindest noch “grandiose Landschaftsbilder” zu bieten. Nun gut, wer meint man müsse für 100 Millionen Dollar eine künstliche Landschaft aus dem Computer saugen, dem gebe ich mal den heißen Tipp einfach ein Filmteam 3 Wochen lang über und durch die Urwälder von Südamerika zu schicken. Das kostet noch nicht einmal ein Zehntel und man bekommt Landschaftsbilder die so umwerfend sind, dass man 3 Tage nicht wieder aufstehen kann.
Avatar bietet schöne Landschaftsaufnahmen für diejenigen, die seit sehr, sehr langer Zeit nichts anderes mehr als ihren Schreibtisch und die benachbarten Hochhäuser gesehen haben. Bei denjenigen die z.B. Bilder aus Papa Neuguinea kennen, erzeugen die “grandiosen Landschaftsaufnahmen” aus Avatar lediglich ein müdes Gähnen.

Wenn es also schon nichts umwerfendes zu sehen gibt, könnte man sich ggf. noch an der Geschichte erfreuen. Die Geschichte ist jedoch schnell erzählt: Ausgemusterter Marine kommt durch Zufall auf einen Fremden Planeten, wird dort in eine Gruppe Eingeborener (die Na’vi [Na'vi, you know? *zwinker-zwinker*]) eingeschleust und soll diese übers Ohr hauen damit die Eingeborenen freiwillig das Land räumen unter dem so viele Bodenschätze zu finden sind. Der Marine verliebt sich aber in die Häuptlingstochter und wechselt mit ein paar bekloppten Kollegen aus seinem Lager die Seiten um das Volk der Na’vi zu retten.
Ja genau, Der mit dem Wolf tanzt. Dieser Vergleich wurde schon oft gezogen, liegt aber auch nahe wenn eine Geschichte 1:1 abgekupfert wird. Ansonsten könnte man auch noch Poccahontas oder eine andere x-beliebige Schmonzette aus Hollywood ins Rennen bringen. Es ist die ewig gleiche Geschichte zum tausendsten mal erzählt. Nur leider viel schlechter als die 999 anderen male.
James Cameron ist aber wahrscheinlich auch nicht der Typ für aufregende Geschichten. Titanic habe ich zum Beispiel nie komplett gesehen. Beim ersten und einzigen Versuch mir den Film anzuschauen, bin ich nach kurzer Zeit eingeschlafen. Ich habe die Spannung ob der arme Junge das reiche Mädchen bekommt und ob die Titanic noch rechtzeitig im Hafen von New York einläuft einfach nicht ausgehalten. Hallo? Natürlich bekommt der arme Junge das reiche Mädchen. Und was soll schon mit einem Schiff das Titanic heißt anderes passieren als das es unter geht? Titanic ist doch nun wirklich so ein Mädchenfilm den man sich nur dann anschauen kann, wenn man ein paar überflüssige Hormone zu viel im Blut hat.

Das Avatar so langweilig daher kommt erstaunt ein wenig. Denn sowohl die Trailer als auch der am Anfang gehaltene Monolog aus dem Off wecken auch hier ganz andere Erwartungen. Angeblich ist Pandora, der Planet um den es geht, ein schrecklicherer Ort als die Hölle. Zitat “Wenn es eine Hölle gibt, würden Sie dort Urlaub machen wollen nachdem Sie auf Pandora waren“. Huuuuu… das hört sich spannend an. Angeblich ist jegliches Leben jenseits des schützenden Zaunes, welcher das Lager umgibt, giftig, gefährlich und angriffslustig. Na immerhin etwas. Wenn die Bilder schon langweilig und die Geschichte bereits bekannt ist, dann gibt es vielleicht wenigstens ein Blutgemetzel. So wie in Filmen von Quentin Tarantino. Der hat z.B. mit Kill Bill auch keine Hammerstory auf Lager, quält sich jedoch auch nicht lange mit Landschaftsbildern rum. Der nimmt einfach ein paar saugute Schauspieler, eine fade aber actionreiche Story, kippt über das ganze ein paar Tanklaster Filmblut und macht daraus quasi ein Meisterwerk.
Ich greife an dieser Stelle mal vorweg. James Cameron schafft es im ganzen Film nicht einmal auch nur einen Tropfen Blut zu verschütten. Die Menge an Blut die im ganzen Film vergossen wird, ist bei Shaft schon nach 3 Schlägen in der ersten Prügelei geflossen.
Aber vielleicht hat es ja was zu bedeuten das im anfänglichen Monolog erwähnt wird das die Na’vi ihre Pfeile gerne in Gift tränken, welches nach wenigen Minuten zum Herzstillstand führt. Könnte ja sein das der Held oder ein andere Protagonist von so einen Giftpfeil getroffen wird und er in einer dramatischen Rettungsaktion gerettet wird. Daraus wird aber nichts, denn wenn man von einem Pfeil so groß wie ein Besenstiel durchbohrt wird, ist es verdammt egal ob der vorher in Gift getränkt wurde oder auch nicht. Zumal die Pfeile ohnehin immer nur Redshirts und andere Bösewichte treffen. Auch der Umstand das die Atmosphäre offensichtlich ohne Atemmaske nicht länger als 20 Sekunden erträglich ist, bietet die Möglichkeit daraus etwas spannendes zu machen. Wird aber ebenfalls nicht genutzt. Der Colonel hält einfach die Luft an und ballert munter aus seinem Maschinengewehr. Sicherlich bleibt da die Frage offen warum die Atmosphäre für Menschen nicht geeignet ist, Hubschrauber mit Verbrennungsmotoren jedoch prima damit zurecht kommen. Wenn der Film so blöd ist das man sich über solche Dinge Gedanken macht, sollte das einen schon zu denken geben.

Der Anfang des Filmes ist leider auch schon der Höhepunkt. Danach geht es beständig Berg ab. Erwartet man nun einen Wald voller übler Gestalten in dem actionreiche Kämpfe statt finden, wird man erneut enttäuscht. Denn der Urwald in dem die Na’vi leben ähnelt eher Disnesyland. Tauchen am Anfang noch Tiere auf die anmuten als wären sie aus Jurasic Park entliehen, wird es im weiteren Verlauf sogar noch lächerlicher.
Den ersten Kampf den der Held bestehen muss, bestreitet er zwar mit einem Tier das exakt so aussieht wie der Schoßhund vom berühmten Alien, jedoch hat es weder die Angriffslust noch die Hinterlist eines Aliens. Es faucht, es krazt und es hüpft nervös umher wie ein gegrillter Rottweiler (sieht in etwa auch so aus). Den Held des Films verpasst es jedoch nicht einmal einen Kratzer, geschweige denn eine Bißwunde oder ähnlich dramatisches. Während der Held also mit dem gegrillten Rottweiler spielt und sich dabei im Urwald verirrt (was auch sonst!?), scheißen seine Kollegen auf ihn und retten lieber ihre eigene Haut. Gut, sie haben einen Hubschrauber und eine Hightech-Ausrüstung mit der sie aus 300 Kilometer Entfernung die Temperatur des Haufens messen können den der Hundi gerade geschissen hat. Aber das Abendessen wartet, also fliegen sie lieber nach Hause und lassen den Held alleine im Wald zurück. Logisch, oder!?
Schließlich muss der Held ja irgendwie die Häuptlingstochter treffen (wen auch sonst? Gibt ja nur ein paar tausend anderer Gestalten auf diesen Planeten), die ihn dann auch gleich aus einer brenzligen Situation befreit (eine Horde “wilder” Tiere die aussieht wie ein Rudel gegrillter Katzen wollen mit dem Held eine Runde Fangmich spielen). Klar das die Tussi den unbekannten Stecher gleich mal mit nach Hause nimmt und ihm, mit Einwilligung von Mum&Dad, in die intimsten Geheimnisse des Stammes einweiht. Ja, das Tempo legt zu. Jetzt muss es zack-zack gehen, wir sind schließlich nicht in einem Kinoepos von Kevin Costner (reicht ja wenn man die Geschichte von ihm klaut) und haben nur noch 90 Minuten Zeit. Mein Arsch beginnt einzuschlafen, es ist nicht der letzte Körperteil der sich beginnt abzumelden.
Wer jetzt erwartet das der Held in eine wilde und unbarmherzige Welt eingeführt wird und ihm gezeigt wird wie man aus einem Strohalm, einem Kieselstein und einem Blatt eine innenbeleuchtete Hütte mit Fußbodenheizung baut um das nackte Überleben zu sicher und sich gegen Scharen von wilden Tieren zu behaupten, der wird abermals enttäuscht. Aber an Enttäuschungen hat man sich mittlerweile ja gewöhnt. Deswegen ist es auch nicht ganz so enttäuschend als die Na’vi dem Helden zeigen wie man auf den von ihnen bevorzugten Nutztieren reitet. Das ist jetzt aber nicht etwa ein Raptosaurus auf dem sie reiten, hätte man ja erwarten können, sondern ein Pferd! Nicht ein gewöhnliches Pferd, sondern eines, das wie aus einer Disneyproduktion entliehen scheint. Halb Seepferdchen, halb pummeliges Roß. Fehlt nur noch der buschige Schweif mit Schleifchen dran. Und natürlich herzensgut die Viechers, zickt nicht rum, beißt nicht (ernährt sich sogar von Nektar!!!) und eigentlich fühlt es sich auch richtig kuschelig an.
Dabei haben die Na’vi eine ganz besondere Methode um wilde Tiere zu zähmen. Denn die Na’vi leben eigentlich in einträglicher Symbiose mit allen Tieren und Pflanzen auf ihren Planeten. Wollen sie sich ein Tier (oder Pflanze oder what ever) zu nutze machen, bedienen sie sich so einer Art planetrarischen USB-Steckers in ihrem Pferdeschwanz, mit dem nicht nur sie, sondern quasi jedes Lebewesen auf Pandorra ausgestattet ist. Stecker rein, aufspringen und dem Viech einfach sagen wo es lang hoppeln bzw. fliegen soll, schon geht die Lutzi ab. Praktisch so ein eingebauter USB-Stecker, kann man sich damit doch sogar an einen Baum ankoppeln und mal fragen wie das Wetter am nächsten Tag werden wird.
Im Prinzip ist der Tiefpunkt des Filmes bereits an dieser Stelle erreicht. Wirklich viel tiefer kann das Niveau nicht mehr sinken. Die angebliche Hölle, die Pandora sein soll, stellt sich als Lalelu-Land heraus in dem alle Lebewesen in einträglicher Harmonie miteinander leben und selbst die wildesten Bestien nicht einmal einem der Na’vi ein Arm abbeißen, obwohl sie vom Körperbau her durchaus dazu in der Lage wären. Das schlimmste Lebewesen auf Pandora ist übrigens ein vieräugiger Flugdrachen der sich ohne Probleme zum Frühstück ein paar Na’vi aus den Baumkronen pflücken könnte, aber wegen der vorgeschriebenen planetaren Harmonie lieber vegan lebt. So in etwa stelle ich mir auch die Hölle vor. Mit Teletubbies, Diddle-Mäusen und Poccahontas, umgeben von vollkommener Harmonie, in einen Zauberwald eingesperrt.
Ach ja, apropos Zauberwald. Eigentlich hatte ich mir Pandorra ja als unwirklichen, dunklen Ort voller Gefahren vorgestellt. Tatsächlich spielen viele Szenen auch bei Nacht im Wald. Jedoch nicht im dunklen Wald, was ja vielleicht Spannung erzeugen könnte, sondern in einem hell erleuchteten Wald (!!!) in dem jede Pflanze in einem satten neonlicht leuchtet! Pandora bei Nacht muss man sich in etwa wie Las Vegas bei Dunkelheit vorstellen. Nur nicht so gewalttätig und laut. Eher besinnlich und friedlich, schlimmer als die Hölle eben.

Den Gipfel der Emotionen, schließlich ist Avatar ja ein emotionaler Film, erreichen wir als die Häuptlingstochter den Helden in das intimste der intimen Geheimnisse einweiht. Es ist ein Baum der im Dunklen wie eine umgedrehte Glasfaserlampe aussieht. Die folgenden 10 Minuten kann man dann auch wenig emotional und befreit von Romantik so zusammenfassen:
Häuptlingstochter (HT): Müssen du dir Frau aussuchen. Du jetzt sein einer von uns.
Held (H): Done.
HT: Nehmen du Frau kann gut singen wie Edit Piaf oder Frau kann gut tanzen wie Stripperin an Stange?
Held: Nehme andere Frau, aber nur wenn andere Frau auch will.
HT: Andere Frau will auch!
Held: OK. Ficken?
HT: Jau, ficken nicht schlecht.
Das war der Moment an dem ich dachte gleich würden irgendwo ein paar puschelige Tierchen auftauchen und mit den beiden zusammen ein schnulziges Liebesliedchen trällern. Ich musste wirklich überlegen ob ich nun in einem Science-Fiction oder im neuesten Disney-Weihnachtsfilm gelandet bin. Das in den Moment nicht die pummeligen Seepferdchen mit dem planetaren USB-Anschluss aufgetaucht und eine drollige Herzformation um die beiden herum gebildet haben, hat mich echt gewundert.

Der Rest des Filmes ist schnell erzählt. Gieriger Konzern schickt gierigen Manager los der gewaltbereiten Colonel los schickt das Dorf der Na’vi platt zu machen. Colonel macht Dorf mit viel Kawum platt, Na’vi rennen planlos rum und heulen sich die Augen aus den Leib. Held organisiert erst gewaltfreien, dann gewaltbereiten Widerstand. Noch mehr Krawumm, Na’vi können plötzlich kämpfen wozu sie vorher offensichtlich zu dämlich sind (planetare Harmoniehemmung nennt sich das in Fachkreisen). Dann Rettung in letzter Sekunde. Bösewichte werden vom Planeten geschickt, Na’vi wieder glücklich.

Avatar ist nicht nur das teuerste was Hollywood seit langem hervor gebracht hat, sondern auch das schlechteste. Es gibt keine umwerfenden Computer-Effekte, da hatte Piraten der Karibik mehr und bessere Effekte auf Lager. Es gibt keine berauschenden Landschaftsaufnahmen, da ist jeder Bericht von National Geographic sehenswerter. Es gibt nicht einmal eine spannende Geschichte die irgend etwas ausgleichen würde. Selbst gute Schauspieler waren im Budget von 500 Millionen Dollar nicht mehr drin. Avatar ist ein zusammen geklautes Dings was man getrost verpassen kann. Lediglich wenn man auf enttäuschte Erwartungen, eine schnulzige Liebesgeschichte und fade Computereffekte steht, dann kann man (muss man aber auch nicht) sich die 161 Minuten antun.

Ralf

Es existieren 3 Kommentare für diesen Eintrag:

1
Thomas schrieb:

Die Neugiere auf das neue 3D Ding hat mich ins Kino getrieben. Erwartet habe ich von dem Film absolut nichts.Bevor ich mir den in 2D anschaue, schaue ich lieber einem Amateur Damenfussballspiel voller kurzhaariger Hardcorelesben zu.
So, ich gehe mir jetzt Terminator 2 ausleihen.

2
Dings schrieb:

Jo, muss ich nicht haben. Die Art der Lobhudeleien vorab hat mich in etwa das Ergebnis erwarten lassen.

3
jojoclub schrieb:

und dann soll Avatar auch noch depressiv machen …
siehe http://jojoclub.musikbloggo.de/

Einen Kommentar schreiben:

Mit Betätigung des Absenden-Knopfes bestätigen Sie das sie die Datenschutzrichtlinien gelesen, verstanden und akzeptiert haben.