Gigaliner rückwärts?
06. Februar 2010Es geht nicht um Renilagig, sondern um eine Frage die Maik bei formspring gestellt bekommen hat und mit deren Beantwortung er sich anscheinend etwas schwer tut.
Die Frage lautet in etwa, ob man mit einem Gigaliner rückwärts um die Kurve fahren kann. Die Antwort lautet recht simpel: Ja, kein Problem so lange genug Platz vorhanden ist.
Ich glaube viele lassen sich bei solchen Fragen von der enormen Länge eines Gigaliners (bis zu 25,25m) täuschen. Dabei hat die reine Länge eines Fahrzeuges relativ wenig damit zu tun ob man es gut oder schlecht rückwärts rangieren kann. Entscheidend ist die Anzahl der Gelenkpunkte die im Zug vorhanden sind.
Ein Gelenkpunkt ist eine Stelle im Zug, an der dieser flexibel miteinander verbunden ist. Ein gewöhnlicher Hängerzug (Gliederzug) hat z.B. zwei Gelenkpunkte. Zum einen das Fangmaul (Anhängerkupplung), also der Punkt an dem der LKW mit dem Anhänger verbunden ist. Zum anderen der Drehschemel, also die Vorderachse des Anhängers. Es gibt aber auch Züge mit einem Tandemanhänger/Einachsanhänger. Diese haben normalerweise eine starre Deichsel (Starrdeichselanhänger). Dann hat der Zug lediglich einen Gelenkpunkt, und zwar das Fangmaul. Gleiches gilt für Sattelschlepper, hier ist der einzige Gelenkpunkt die Sattelkupplung.
Schaut man sich nun die gängigen Gigaliner an, so stellt man schnell fest, dass diese ebenso lediglich über maximal 2 Gelenkpunkte verfügen. Die einfachste Methode um aus einem Sattelschlepper einen Gigaliner zu machen, ist an dem Sattelauflieger eine Anhängerkupplung zu montieren und dann einen Starrdeichselanhänger (Tandemanhänger/Einachsanhänger) anzuhängen (siehe Wikipedia). Der erste Gelenkpunkt ist die Sattelkupplung, der zweite das Fangmaul an dem der Starrdeichselanhänger angehängt ist.
Eine andere Alternative ist die Verwendung eines so genannten “Dolly”. Der Dolly ist vergleichbar mit einem Tandemanhänger, verfügt jedoch über eine Sattelkupplung und kann somit einen Sattelauflieger aufnehmen. Der erste Drehpunkt ist hier das Fangmaul am LKW, der zweite Drehpunkt die Sattelkupplung am Dolly.
Es gibt noch weitere Varianten von Gigalinern (z.B. zwei Tandemanhänger), die jedoch in der Praxis kaum oder gar keine Bedeutung haben. Jedoch haben alle eines gemeinsam: Sie verfügen, technisch gesehen, über maximal zwei Gelenkpunkte. Ansonsten wäre das Rangieren mit so einem Zug unmöglich.
Gleiches gilt dementsprechend für Gelenkbusse. Es gibt sie mit einem Gelenk, dass ist die übliche Form wie sie wohl jeder schon gesehen hat. Sie werden genauso rangiert als hätte man einen Starrdeichselanhänger angehängt. Seit wenigen Jahren gibt es dann noch Gelenkbusse mit zwei Gelenken (Doppelgelenkbus). Diese lassen sich genauso wie ein Gliederzug rückwärts rangieren, da sie ebenfalls über zwei Gelenkpunkte verfügen.
Demnach ist jeder in der Lage einen Gigaliner mit der gleichen Rangiertechnik rückwärts um die Kurve zu rangieren, mit der er auch einen Gliederzug rückwärts um die Kurve rangiert. Es bedarf lediglich etwas mehr Platz, wegen der Länge der einzelnen Segmente, und etwas Übung wann man in welche Richtung einschlagen muss. Rückwärts Rangieren ist weder Zauberei noch Raketenwissenschaft. Schon gar nicht unmöglich ist es, einen Gigaliner rückwärts um die Kurve zu rangieren. Länge ist hierbei nur nebensächlich.
Wer wirklich mal etwas kompliziertes fahren will, sollte sich mal bei einem Landwirt umsehen. Denn zur Erntezeit hängen die sich zum Teil zwei Anhänger mit Drehschemel an den Traktor (ich selber habe auch schon mal die Variante mit drei (!) Anhängern gesehen). Das entspricht einen doppelten Gliederzug. Ist zwar in der Gesamtheit nicht wirklich groß oder lang, jedoch recht kompliziert zu fahren. Vorwärts fahren ist aufgrund der 4 Gelenpunkte schon nicht einfach, rückwärts würde es nur noch Chaos geben. Deswegen fahren diese Züge lediglich vorwärts und benötigen quasi einen ganzen Acker zum Wenden.


Junge Junge, Dein Wissen möchte ich haben
Danke für den aufschlussreichen Artikel. Nur in einem Punkt muss ich dir widersprechen: Traktoren mit 2 Hängern fahren sehr wohl rückwärts - ich habe da immer das Bild meines Opas vor Augen der den hinteren der beiden Hänger einparkt. Er war sein Leben lang Traktorist - das merkt man.
Du schreibst:
>Die Antwort lautet recht simpel: Ja, kein Problem so lange genug Platz vorhanden ist.
…und entsprechende Übung vorhanden ist. Ich nutze meinen ca. 7,5m langen Pferde-LKW ungefähr 20 mal pro Jahr. Bei der wenigen Fahrpraxis/Übung, fällt einem das Rückwärtsrangieren damit schon schwer, zudem der Kasten auch noch hoch ist und “das Ding” - zumindest aus Sicht eines LKW-Laien - bedrohlich hin und her schwankt.
>Denn zur Erntezeit hängen die sich zum Teil zwei Anhänger mit Drehschemel an den Traktor [...] rückwärts würde es nur noch Chaos geben.
Vor allem, wenn man an seinem “betagteren” Schlepper keine Servolenkung hat…:-)))
Ich musste etwas nachdenken, was Du mit “renilagig” meintest, da ich erst einlagig, zweilagig, renilagig assoziierte …
Schön beschrieben und vorstellbar!
Während meines noch andauerndem Studiums bin ich über diese Seite gestoßen, die eine solche Situation übertrieben in eine Java-Applet packt.
http://did.mat.uni-bayreuth.de/~susanne/verfolgung/Gliederzug.html
Damals gefunden über http://de.wikipedia.org/wiki/Traktrix#Weblinks
Viel Spaß damit!
@maik: Einfach mal ein Jahr als Ersatzfahrer in einer großen Spedition arbeiten. Da lernt man so einiges und bekommt so manches Geschoss unterm Hintern.
@Jakob Glück: Unmöglich ist offensichtlich nichts. Aber normal ist das ja auch nicht. Deswegen mein ehrlichen Respekt vor so einer Leistung.
@Kathrin: Als ich das erste mal mit einem PKW einen Hänger über eine längere Strecke rückwärts drücken musste, hatte ich es geschafft die Kupplung zu töten. Mittlerweile habe ich ein paar Jahre Erfahrung und tägliche Übung. Dennoch gibt es im bergischen Land, wo ich hauptsächlich unterwegs bin, Straßen wo ich nur sehr ungerne rückwärts runter fahre. Das mulmige Gefühl wenn man ein 8%iges Gefälle mit Hänger rückwärts um die Kurve muss, wird wohl nie weg gehen.
@andreas: tja, hier geht es halt “umme Ecke”. Sowohl beim Rangieren als auch beim Denken
@M1tch: Traktrix. Jetzt habe ich ein Fremdwort mehr in der Schublade
Recht interessantes Thema, vor allem da man so Sachen auch berechnen kann. Schade nur das die meisten Architekten und Straßenplaner offensichtlich noch nie etwas davon gehört haben und den Raumbedarf immer nur grob schätzen.
Danke für den Link, sieht wirklich interessant aus.