Still-Leben??
19. Juli 2010Halb vier Montag morgens neben der A40. Der letzte Polizeihubschrauber fliegt in ca. 50 Metern Höhe gaaaaanz langsam über die Häuser und kontrolliert ob auch alle wach werden. 24 Stunden Still-Leben sind vorbei und ich bin heilfroh darüber.
Ich wohne jetzt seit gut 30 Jahren in unmittelbarer Nähe der A40. Bis vor etwas mehr als 2 Jahren wohnte ich sogar noch genau neben der A40. Lediglich rund 10 Meter Abstand trennten Lärmschutzwand und meinem Schlafzimmerfenster. Erfahrungsgemäß weiss ich das viele eine etwas merkwürdige Vorstellung vom Leben neben der Autobahn haben. Laut. Schmutzig. Gefährlich. Alles mögliche habe ich schon an Vorurteilen gehört.
Ich hatte jedoch nie Probleme mit dem Lärm. Nachts, wenn ich für gewöhnlich schlafe (oder vor dem PC sitze), ist recht wenig Verkehr auf der Autobahn. Lediglich ein paar Motorradfahrer sorgen im Sommer mit ihren Sportauspuffen für eine hässliche Soundkulisse. Vor allem der Tunnel reizt die Vollidioten ihre Motoren bis zum Drehzahlbegrenzer aufzudrehen. Da hat dann halb Essen was von dem “Sound”. Ich würde in diesen Moment am liebsten ein Drahtseil in ca. 60cm Höhe quer über die A40 spannen. Aber ansonsten ist nachts doch eher ruhig.
Tagsüber ist es eigentlich auch relativ ruhig. Die A40 ist zwar stark befahren, dies führt in der Regel jedoch auch zu relativ viel Still-Stand. Laut wird es dann nur, wenn LKW-Fahrer meinen mit 5 Minuten Dauerhupen den Stau auflösen zu können. Aber das ist ja auch nichts was einen Dauerzustand darstellt.
Mit der Zeit gewöhnt man sich natürlich an die Geräuschkulisse die einem umgibt. Es ist also gar nicht einmal die Lautstärke, sondern das spezielle Spektrum. Als ich mal eine Nacht am Meer verbrachte, bekam ich einfach kein Auge zu. Zu laut für meinen Geschmack. Und nachdem ich vor 2 Jahren umgezogen bin, hatte ich ebenfalls Probleme mit dem Schlafen. Zu leise für mich.
Auch glaube ich nicht das es hier in Sachen Gestank oder Dreck schlimmer zugeht als an einem Ackerrand. Wenn der Bauer im Frühjahr tonnenweise Gülle ausbringt und in den folgenden Monaten regelmäßig massenweise Insektizide, Herbizide, Pestizide und andere Roundup-Lösungen versprüht, sollte man sich nicht so sicher sein das es am Busen der Natur besser wäre als 10 Meter neben der A40.
Man sollte also meinen ich wäre so einiges gewöhnt. Als ich am Sonntag Morgen gegen halb vier vor Schreck fast von der Couch gefallen bin weil ein Hubschrauber die Dachziegel vibrieren lies, lag das demnach nicht daran das ich zu sensibel für diese Welt bin. So ein Hubschrauber im Tiefflug macht einen Höllenlärm. Ähnlich wie ein Motorradfahrer mit Sportauspuff hört man ihn nämlich nicht erst wenn er direkt über einem steht, sondern lange bevor er da ist und auch noch lange nachdem er weg ist.
Nun gut. Ein Hubschrauber in den frühen Morgenstunden alle Jubeljahre ist vertretbar. Jedoch war ich an diesen Sonntag im festen Glauben in einem Kriegsgebiet zu wohnen. Ohne zu übertreiben, hier flog irgendwann ab Mittag ca. alle 30 Minuten irgend ein Hubschrauber oder Sportflugzeug rum. Ist ja auch klar wenn jeder Fernsehsender und jedes Provionzkäseblatt seine eigenen Fotoreporter in die Luft schicken muss. Man hätte sich ja alle zusammen in einen Helikopter setzen können. Neben enormen Einsparungen an Lärm und Kraftstoff (Umwelt!!!einself), hätte es auch noch ein paar Kosten eingespart. Aber wozu der Geiz? Wir sind Kulturhauptstadt. Da muss man auch mal die dicke Hose anziehen.
Logischer Weise wollte die Polizei der Presse in nichts nachstehen und drehte ebenfalls fleißig ihre Runden. Haben die von der Polizei eigentlich noch nichts von fliegenden Drohnen gehört? So eine Drohne ist wesentlich günstiger in Anschaffung und Unterhalt. Anstatt einem blöden Hubschrauber könnte man genauso gut 10 Drohnen anschaffen. Falls das doch zu teuer sein sollte, die Bundeswehr könnte zur Not bestimmt mit der einen oder anderen Drohne aushelfen, wenn sie denn dürfte.
Nun hat die Kraft (angeblich Eigentum der SPD) auch noch rumposaunt das sie diesen Scheiß von angeblichen Still-Leben wiederholen will. Na danke aber auch. Diesmal bitte ohne Hubschrauber und Presse, ja?
Überhaupt Kulturhauptstadt. Watn Scheiß. Ich meine, denkt da auch mal jemand an die Anwohner? Es sind ja nicht nur die geklauten Parkplätze, irgendwelche Ethno-Gruppen die stundenlang trommelnd durch die Straßen ziehen oder sinnlose Feuerwerke die einem den Schlaf rauben. Es ist das Gesamtpaket was nervt. Warum macht man diesen Kulturterror nicht genauso wie beim Burning Man Festival. Ab in die Wüste und gut ist. Da könnt ihr so viel Krach machen wie ihr wollt, stundenlang mit dem Hubschrauber im Kreis fliegen und müsst den Leuten nicht auch noch die Parkplätze klauen. Gut, ich muss zugeben das es selbst im größeren Umkreis keine entsprechende Salzwüste gibt die man dazu nutzen könnte. Aber der nächste Tagebau ist gar nicht so weit weg. Sollten die vom RWE rumzicken, dann geht einfach nach Berlin ins Regierungsviertel. Das ist zumindest eine Wüste von Hirnlosen, da beschwert sich auch keiner wenn ihr da rumtobt.
Fußball-WM (mit Vuvuzela) und Kulturhauptstadt, dass ist einfach zu viel für meine Nerven. Veranstaltet bitte beides das nächste mal ganz weit weg von hier, denn ich brauche meinen Schlaf. Gute Nacht, ich geh jetzt arbeiten.


Hallo Ralf, also ich fand es bis 10.55 Uhr noch schön, danach als die anderen Radfahrer wie die Heuschrecken über die A40 hergefallen sind fand ich das nicht mehr gut. Bis zum beschriebenen Zeitpunkt war fahrradfahren noch ein Genuß. Aber Dein Spruch – “Dann geht einfach nach Berlin ins Regierungsviertel. Das ist zumindest eine Wüste von Hirnlosen, da beschwert sich auch keiner wenn ihr da rumtobt.” – den fand ich klasse.
Aus unsicherer Quelle habe ich heute gehört das die gar nicht mit so einen großen Ansturm gerechnet haben weil die Tisch-Reservierungen im Vorfeld nur sehr schleppend von statten gingen.
Beim nächsten mal können die dann ja Maut für Radfahrer und Fußgänger verlangen und die Tische gratis vergeben.
Stimmt schon, ohne den gewohnten Lärm schläft es sich schlechter. Ich hab jetzt in der Woche in Berlin auch den vertrauten Geräuschpegel der DUS-Einflugschneise total vermisst. Wir hatten ein Appartement in einem Hinterhof in Mitte in 25-30 Metern Entfernung zur S-Bahn am Hackeschen Markt und es war jede Nacht – ruhig. Wie schlimm ist denn das, da hätte man doch auch ins Allgäu oder in die Lüneburger Heide fahren können.
Dem Vorschlag, das nächste kulturhauptstädtische Großevent bitteschön im Tagebau Garzweiler über die Bühne gehen zu lassen, kann ich nur frenetisch beipflichten. Das große Landschaftsloch ist eine prima Kulisse – und gegeben hats sowas auch noch nicht (was bei Eventitis im fortgeschrittenen Stadium ja ein wichtiges Kriterium zu sein scheint).