#609060 – Hyperventilieren einfach gemacht

Die Sache mit dem #609060-Meme ist eigentlich nichts was ich normalerweise auf dem Radar hätte. In den letzten Tagen sind mir jedoch ein paar Links zu den Thema unter gekommen, so dass ich es nicht gänzlich ignorieren konnte (liegt auch daran, dass ich gerade nicht schlafen kann und schon alles andere gelesen habe).

Worum geht es? Ganz einfach: Irgendwelche Leute fotografieren sich in ihrer Altagskleidung um gegen ein Modediktat zu demonstrieren und stellen die Fotos online. Nichts was mich so sehr interessieren würde als das ich mir dafür genug Gedanken darüber machen würde das es für ein Blogpost reicht.
Die Kritik am Meme zeigt mir aber mal wieder ein typisches Verhalten vieler Menschen. Eigentlich weniger ein verhalten, als viel mehr eine mangelnde Fähigkeit.

Das beginnt schon mit dem Begriff „Normal“. Journelle, die Initiatorin des Memes, verwendet den Begriff „normal“ was anderen wiederum nicht passt weil „normal“ halt kein genau definierter Begriff ist. Jedesmal wenn jemand den Begriff „normal“ verwendet, findet sich irgend ein Depp der reflexartig die Frage in den Raum stellt „Was ist denn ’normal‘?
Das ist eine völlig unnötige Frage, da sie meistens darauf abzielt das der Verfasser des Textes eine Norm aufstellt die festgelegte Grenzen anwendet. Normal wäre demnach alles was in die Norm passt. Der begriff wird jedoch selten implizit verwendet, sondern meistens explizit. Mit „normal“ wird häufig eine kleinere Gruppe aus einer größeren Gruppe ausgeschlossen indem man der Einfachheit halber definiert was unnormal ist. Unnormal ist, was z.B. den Kriterien a-e entspricht, der Rest ist normal.
Normalität entspringt also aus dem Kontext. Demnach ist laut Definition von Journelle alles normal, was nicht Modellmaße hat. Sich ausgeschlossen fühlen weil man sich selber als „unnormal“ empfindet, ist kindisch. Zu fragen was denn „normal“ sei, ist schlichtweg dämlich.

Als ich irgendwann auf den Text von Anke Gröner stieß, fiel mir auf das sie in ihren Text genauso agiert, wie viele Menschen es in anderen Situationen auch tun. Ich gehe davon aus das es eine fehlende Fähigkeit ist. Entweder weil die Fähigkeit grundsätzlich nicht vorhanden ist, oder weil sie situationsbedingt abhanden gekommen ist.
Ich meine die Fähigkeit kurz inne zu halten und zu versuchen die Situation aus der Sicht des anderen zu sehen. Zugegeben, ist nicht immer einfach da einen oft die Erfahrungswerte fehlen. Anke Gröner hätte ich jetzt aber mal unterstellt das sie genau weiß warum auf den #609060-Fotos so wenige Gesichter zu sehen sind. Frau Gröner geht davon aus das es um eine Reduzierung geht:

Mit diesen „headless fatties“ im Hinterkopf habe ich bei den ersten #609060-Bildern scharf die Luft eingezogen. Weil sie für mich in der unseligen Tradition stehen, zu reduzieren. Ihr fotografiert euch ohne Kopf, ihr reduziert euch selbst auf eure Kleidung, auf eure Äußerlichkeit – also genau auf das, auf das ich mich ums Verrecken nicht reduzieren lassen will.

Sie reduzieren sich selber auf ihre Kleidung und Äußerlichkeiten. Ja, stimmt. In dem Meme geht es ja schließlich um Kleidung und nicht um Frisuren. Zudem möchte nicht jeder immer und überall sein Gesicht im Internet sehen. Das hat in erster Linie etwas mit Anonymität und nicht mit Reduktion zu tun. Frau Gröner hätte ich da jetzt etwas mehr Fachkompetenz zugetraut, ich gehe aber mal davon aus das eben jene Internet-Fachkompetenz aufgrund persönlicher Betroffenheit (oder Schnappatmung) kurzfristig abhanden gekommen ist.

Das dieses Meme solche Wogen schlägt, verstehe ich persönlich nicht so wirklich. 90% der Frauen haben keine Modellmaße und müssen tagelang in dunklen Kellern und weit entfernten Outletstores nach passender Kleidung suchen? Demnach müssten ja die restlichen 10% der Frauen fast die gesamte Textilindustrie am Kacken halten und sämtliche Läden leer kaufen.
Realistisch gesehen dürfte die Situation doch eher so sein, dass die Textilindustrie der Nachfrage nachkommt und schon in den passenden Größen produziert. An dieser Stelle gebe ich Anke Gröner Recht wenn sie schreibt „Trotz des fürchterlichen Hypes um die angebliche Adipositas-Epidemie BOOGA BOOGA BOOGA gibt es längst nicht so viele fette Menschen, wie die meisten nicht-fetten Menschen glauben (möchten?).“ Gäbe es in Deutschland vergleichsweise viele dicke Menschen wie z.B. in den USA, gäbe es auch hier vergleichsweise viele Geschäfte mit entsprechender Bekleidung. So jedoch müssen in Deutschland zumindest die (extrem) dicken Menschen doch recht lange suchen um etwas passendes, und ich meine von der Größe her passendes, zu finden.
Bei den restlichen gefühlten 99,9% der Frauen ist nicht die Größe das Problem, sondern eine vermutlich genetisch verankerte Fehlfunktion die dazu führt das alles schön ist was nicht passt, und das was passt, nicht schön ist. Hinzu kommt dann noch der Effekt das immer alles toll aussieht was die anderen Frauen tragen. Männer würden jetzt sagen „Dann kauf dir doch das gleiche.“ Männer sind halt Pragmatisch, einfach, gut. Frauen würden aber niemals das gleiche anziehen was die anderen Frauen tragen, selbst wenn es wie auf die Haut geschneidert passt. Also latschen sie los und suchen etwas was anders aussieht, aber genauso toll und dann auch noch passt. Das zum kleinsten Preis und bitte farblich passend zu dem ganzen anderen Gerümpel der sich schon meterhoch zu hause stapelt. Bei der Jagd nach dem Unmöglichen wird dann auf die Magermodells geschielt und aus lauter Frust rumgezickt das die ja keine Probleme hätten etwas zu bekommen was passt, schön aussieht und möglichst nur ein einziges mal in diesen Universum existiert.

Weiber ham wat an der Waffel. Definitiv.

In Südamerika gibt es ein Indianer-Volk das einmal im Jahr alles Hab und Gut auf einen Haufen packt, dann geht jeder hin und nimmt sich von den Haufen das was er brauchen kann.
Ich würde mal vorschlagen das alle die an dem Meme teilnehmen das Gleiche machen. Trefft euch einmal im Jahr, packt eure Plörren alle auf einen Haufen und jede darf sich anschließend aus den Haufen raussuchen was ihr gefällt.
Vor allem aber, hört endlich auf die Modezeitschriften zu kaufen in denen ausschließlich die seit langem kritisierten Magermodells abgelichtet werden. Und rennt doch einfach an den Läden vorbei die nix in eurer Größe oder nach euren Farbwünschen vorrätig haben. Angebot wird durch Nachfrage geregelt, nicht durch Modepäpste.

Ach geht nicht? Stimmt, ich hab das mit der Waffel vergessen.

4 Comments

  • 6. September 2012 - 02:39 | Permalink

    daumen hoch für diesen beitrag :-)
    (ich weiß auch nicht, wo die alle einkaufen, dass die nichts in den größen finden…)

  • Pingback: aEin Mem ist ein Mem ist ein Mem #609060 | Journelle

  • 9. September 2012 - 17:47 | Permalink

    full ack. ich frage mich außerdem gerade, wo die einkaufen, wenn die in 40/42 schon nichts mehr finden…

  • 11. September 2012 - 19:23 | Permalink

    Ich schmeiß mich weg… herrlich, genau und 100% zutreffend.
    Danke, habe minutenlang gelacht. Du hast ja so recht…
    Auf in den Kampf um die Waffeln, Mädels! Und Jungs.
    Lg, Sathiya

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