Urlaub
19. Januar 2008Oder das was man dafür hält
Etwas plötzlich kam der Urlaub ja schon. Donnerstag mittag erhielt ich während der Arbeit einen Anruf ob ich nicht ein oder zwei Wochen Urlaub machen wolle. Beginnend mit dem darauf folgenden Montag. Solche Schnäppchenangebote à la “Greif zu, wir haben da noch ein oder zwei Stück von übrig. Musste aber sofort mitnehmen!” sind mir immer sehr suspekt. Wer weiß was man sich da von der Resterampe mitnimmt, also habe ich vorsichtshalber erst einmal einer Woche Urlaub zugestimmt mit der Option evt. auf zwei Wochen zu verlängern.
Der Urlaub hatte noch gar nicht angefangen, es war nämlich noch mein regulär freier Montag, da entschloss sich der Fabrikleiter auch gleich mal mich aus dem Bett zu klingeln. Montags morgens um 8 sollte man nicht im Halbschlaf dem Fabrikleiter klugscheissernd gegenüber treten. Auch am Telefon nicht. Ich kratzte alle Freundlichkeit zusammen die mir an einem freien Montag Morgen um 8 zur Verfügung stand und erklärte dem Fabrikleiter die Situation. Nein, er würde mich nicht in meinem Urlaub stören. Der würde ja offiziell erst am Dienstag anfangen da ich den Montag regulär frei habe. Im Ruhrpott geht so etwas mit relativ wenigen Worten: »Moin. Wat willste?«
Der Vertretungsfahrer würde nicht zurecht kommen da ihm beim Rückwärtsfahren am Duisburger Hauptbahnhof eine Baustelle im Weg sei. Wie ich denn die unlösbar scheinende Situation gelöst hätte und wo ich denn zum Abladen hingefahren sei und überhaupt, warum ich denn gerade im Bett liegen würde anstatt im LKW zu sitzen um durch diese gottverdammte Baustelle zu rangieren. »Bahnhofsvorplatz, is ja wohl genuch Platz, wah!?« erklärte ich ausschweifend und Detailreich die Lösung des Problems.
Kaum hatte ich aufgelegt, versuchte ich mich noch einmal daran meinen Körper den seligen Schlaf hinzugeben. Klappte auch ganz gut, bis der Fabrikleiter sich entschloss mich erneut anzurufen und meinen Schlaf zu stören. Warum ich denn am 12.12. bei der Filiale Schlachmichtotstrasse dieses arme parkende Auto gerammt hätte und mich dann auch noch dreister Weise vom Unfallort entfernt hätte. Ich wollte mehr Details wissen, befand sich mein Hirn doch noch immer in der REM-Phase und wollte so gar nicht auf das reagieren was ihm der Hörnerv übermittelte: »Hä?«
Nun ja, die Polizei hätte sich in der Hauptverwaltung der Fabrik gemeldet, man hätte mich dabei beobachtet wie ich ein parkendes Fahrzeug gerammt hätte und dann abgehauen wäre. Es gäbe Zeugen. Tatsächlich hatte ich an dem genannten Tag die Filiale in der Schlachmichtotstrasse beliefert. Allerdings konnte ich mich nicht erinnern das ich an meinem LKW auch nur ansatzweise einen Kratzer gehabt hätte. Vielleicht bin ich ja zu schnell an den parkenden Autos vorbei gefahren und der starke Luftzug hat einen Außenspiegel umgeklappt. Ich weiß es nicht, Feindkontakt hatte ich definitiv keinen, Kampfspuren gab es ebenso keine.
Die nächsten 48 Stunden verliefen relativ ruhig. Ich machte schon mal Pläne was ich 4 Wochen ohne Führerschein und somit ohne Arbeit machen könnte. Ob man für eine Fahrradrikscha einen Personenbeförderungsschein braucht? Vielleicht kann ich mich ja mit dem Verkauf von billigem Tand und zusammengesammelten Tinnef bei eBay über Wasser halten. Vielleicht ist das sogar die bessere Alternative zum täglichen Aufstehen und zur Fabrik schlurfen. Mit eBay wurden ja schon ganz andere Deppen reich.
Meine Überlegungen, die ich wie gewöhnlich morgens in den drei Stunden zwischen ersten wach werden und Aufstehen im Bett anstellte, also im Halbschlaf, wurden von einem Anruf des örtlichen Vertreters des Qualitätsmanagers der Fabrik, also dem Qualitätsbeauftragten der Niederlassung, wie soll es auch anders sein, durch einen Anruf unterbrochen.
Warum ich denn am 12.12. in der Schlachmichtotstrasse ein parkendes Fahrzeug erst gerammt und es anschließend angezündet hätte. Auch hätte ich es mir sparen können minutenlang nackich um das brennende Fahrzeug zu tanzen um anschließend ohne Abschiedsgruß zu flüchten. Es gäbe Zeugen die alles geseh’n haben und nun wissen wie lang meine Nudel ist. Da ich noch nicht ganz wach war, wollte ich mehr Details wissen. Vielleicht wusste ja der Qualitätsbeauftragte der Fabrik etwas mehr als der Fabrikleiter. Also fragte ich nach: »Hä?«
Man sei besorgt, wolle mich ja als Angestellten, Freund, Fahrer und Allwissende Müllhalde der Fabrik nicht verlieren. Ob ich mir denn sicher sei das ich am 12.12. bei der Filiale Schlachmichtotstrasse kein Auto gerammt zu haben. Und ob ich mir ganz sicher sei das mein LKW weder Kampfspuren aufweist noch Feindkontakt hatte. Nun wurde ich dann doch ein wenig indiskreter »Hä? Wat issn kapputt an der Karre? An meinem Auto is nich ma nen Kratzer dran.«. Oh, da müsse man mal das Schreiben der Polizei abwarten, welches derzeit noch eine Ehrenrunde in der Hauptverwaltung der Fabrik drehen würde. Dann könne man sich anhand des Aktenzeichens mal bei der zuständigen Polizei erkundigen und anfragen ob es eventuell Fotos von dem beschädigten Fahrzeug gibt. Ob nur ein Außenspiegel umgeklappt und verkratzt ist. Oder ob das halbe Fahrzeug derart demoliert sei, dass es definitiv ein Totalschaden sei.
Halt! Stop! Ey Qualimeister! Ich habe an meinem LKW nicht einmal einen Kratzer! Hallo? Wieso auf einmal Totalschaden?
»Jetzt mal unter uns« unterbrach mich der Qualitätsbeauftragte im väterlichen Ton »Mir kannste das ja sagen, so am Telefon. Bekommt ja keiner mit. Haste am 12.12. irgendwo ein Auto gerammt oder nicht?«. Was wohl an der Formulierung “kein Kratzer” so unmissverständlich ist das sie entweder völlig ignoriert oder gänzlich als Schutzbehauptung abgetan wird, hat sich in meinem morgendlichen Dusel nicht erschlossen. Also leitete ich die Verabschiedung mit einem freundlichen »Sonstnochwas?« ein.
Der Qualitätsbeauftragte erkundigte sich noch welchen LKW ich denn fahren würde, er hätte mich über das LKW-Telefon nicht erreicht. Und auf welchen Parkplatz ich gerade ein Nickerchen machen würde. Und ob er mich von der Arbeit abgehalten hätte. Mit meiner bekannt freundlichen Art machte ich ihm klar das ich Urlaub hätte und er mich gerade bei meiner Zukunftsplanung ohne Führerschein unterbrochen hätte. »Hab Urlaub, lieg im bett und penne«. Da wolle er mich nicht weiter stören und wünschte mir noch einen guten Tag und einen schönen restlichen Urlaub.
Der Donnerstag verlief erstaunlich ruhig. Keine Anrufe von der Fabrikleitung, keine Verdächtigungen und Telefonverhöre. Kann daran gelegen haben das ich das Telefon schlichtweg aus gemacht habe. Kann aber auch sein, dass es nur die Ruhe vor dem Sturm war.
Am Freitag klingelte dann endlich wieder das Telefon. Da ich mich bereits daran gewöhnt hatte morgens um 8 geweckt zu werden, habe ich meine Strategie dahingehend geändert das ich erst gegen 9 Uhr ins Bett ging. Fataler Fehler wie sich heraus stellte. Um 11 klingelte das Telefon, der Fabrikleiter wollte wissen ob ich so zwischen 15 und 16 Uhr eine Tour fahren könne. Glücklicherweise hatte ich mir eben für jenen Freitag um 14 Uhr bereits etwas vorgenommen das mich daran hinderte um 15 oder 16 Uhr eine Tour zu fahren. In meiner unendlichen Gutmütigkeit, genauer gesagt im Dusel des Halbschlafes, versprach ich aber meine Vorhaben abzusagen falls sich kein anderer Fahrer finden würde. Zu meinem Glück fand sich doch noch ein Fahrer. Obwohl die ganze Zeit das Damoklesschwert meines Versprechens über mir schwebte und ich jederzeit damit rechnen musste das ich meine Vorhaben absagen müsste, konnte der Freitagwie geplant ablaufen.
Ein wenig gebeutelt von meinen Vorhaben am Freitag verbrachte ich die ersten Stunden des Samstags im Bett. Während ich so überlegte mein Bett bei eBay zu versteigern, schließlich bimmelt andauernd das Telefon wenn ich darin liege, bimmelte das Telefon. Der Fabrikleiter wollte wissen ob ich denn bereit wäre ab Montag Spätschicht zu fahren. Arbeit ist Arbeit und hingehen muss ich sowieso. Mein allseits freundlich gemurmeltes »Yep, passt schon« wurde ebenso freundlich aufgenommen: »Montag, 11 Uhr. Geht dann nach Kassel und Göttingen. Ich bin nächste Woche nicht da.«. Erst später fiel mir ein das ich durch den Arbeitsbeginn am Montag zum einen mal meine für Montag geplanten restlichen Vorhaben absagen kann. Denn 11 Uhr bedeutet 11 Uhr und nicht 23 Uhr. Zum anderen fiel mir auch noch auf das mir somit ein kompletter freier Tag flöten geht. Wobei man mir meinen regulär freien Montag wahrscheinlich ohnehin als Urlaubstag angerechnet hätte.
Leicht verärgert über meine morgendliche Schusseligkeit habe ich mir feste vorgenommen in Zukunft nicht mehr zu schlafen um dusselige Antworten im Halbschlaf zu vermeiden. Kaum zu ende geärgert, bimmelte schon wieder das Telefon. Diesmal war es weder der Fabrikleiter noch der Qualitätsbeauftragte, dies erkannte ich schon an der im Display angezeigten Nummer. So machte ich gleich nach dem Abheben meinem Ärger über die weite Verbreitung meiner Telefonnummer bei allen Fabrikmitarbeitern Luft »Wat willste? Warum hab ich dir eigentlich meine Nummer gegeben? Is wat wichtiges? Wenn nich, bring ich dich um. Du störst, ich hab jetzt meinen letzten Urlaubstach!«
Verärgerung stieß auf Verärgerung. Denn am Apparat war ein Fabrikkollege dem man unterstellte er sei am hassenichgesehndatum in Aurich mit meinem LKW zu schnell unterwegs gewesen. Diesmal gab es kein Vertun. Das rote Blitzlicht hatte ich gesehen, auch hatte ich schon quasi darauf gewartet die Auswertung von der Rennleitung zugeschickt zu bekommen.
An dieser Stelle möchte ich mal kurz ausholen und erwähnen das dass Kennzeichen meines LKWs mit der Endziffer 2 endet. Das Kennzeichen des Fabrikkollegen, welchen man den Geschwindigkeitsverstoß in der Boxengasse unterstellte, endet auf der Endziffer 4. Nun ist es nicht das erste mal das der Fabrikkollege und ich verwechselt werden. Hatte ich doch das Fahrzeug mit der Endziffer 4 damals in Straubing abgeholt und sollte es auch als festes Fahrzeug behalten. Jedoch wurde ich kurz darauf vorläufig auf einem Dreiachser, anstatt wie geplant auf einem Sattelzug, eingesetzt. Erst einige Monate später wurde ich dann auch auf einem Sattelzug eingesetzt, jedoch nicht auf den Sattelzug mit der Endziffer 4, denn der war ja bereits durch den Fabrikkollegen besetzt, sondern auf den Sattelzug mit der Endziffer 2.
Leicht verärgert über die erneute Verwechselung mit dem Fabrikkollegen schlurfte ich zum Briefkasten und entfernte das Altpapier. Darunter war auch ein Brief der Polizeibehörde aus Nich1NachtKaputtÜbernZaunhängenDorf, der Ort in dem ich angeblich in der Schlachmichtotstrasse am 12.12. ein geparktes Fahrzeug zermalmt, angezündet und einige Hühner und Ziegen geschändet haben soll. Zu meinem Erstaunen war in dem Brief aber nicht vom 12.12. die rede, sondern es wurde der 11.12. als Datum genannt. Auch ging es nicht um den LKW mit der Endziffer 2, sondern um den LKW mit der Endziffer 4. Mal ganz davon abgesehen das es sich um eine Uhrzeit handelt, zu der ich für gewöhnlich zu hause auf dem Klo sitze. Danke aber auch. Fünf Tage Kopfzerbrechen wegen nix.
In dieser Fabrik arbeiten offensichtlich nur Verrückte. Ob ich den Urlaub umtauschen kann? Ich meine, der ist zwar angefangen und hat auch deutliche Gebrauchsspuren. Aber so richtig nutzen konnte ich ihn ja nicht. Da muss es doch Regelungen geben ab wie vielen Anrufen aus der Fabrik Urlaub kein Urlaub sondern nur arbeitsfreie Zeit ist.
Urlaub, schön wär’s.


Mann mann mann, in was für einer Bude arbeitest Du da??? Such Dir ganz schnell ´nen ordentlichen Brötchengeber, denn Dein jetziger wird Dir irgendwann, wenn es tatsächlich mal “geschwängerte Hennen” gegeben haben sollte, das Leben zur Hölle machen.
Die ganzen Spekulationen, welche ohne genaueren Hintergrund durch die Firma gehen, sind Anzeichen genug, dass die obere Etage sich einen Dreck um Deine Bedürfnisse kümmert.
Auch die Tatsache, morgens um 8 Uhr aus dem Schlaf geläutert und moralgepredigt zu werden, spricht Bände!
Egal, wer mich in meinem Urlaub aus der Firma um diese Uhrzeit aus dem Tiefschlaf zerrt, er wird es unmissverständlich erfahren, dass das keine gute Idee war!
Was die ganzen “Terrordrohungen” während des Urlaubs betrifft, so war kein Erscheinen in der Firma notwendig – alles nur per “Bimmel-Folter-Instrument”, somit ist Dein Urlaubsanspruch um den genommenen Urlaub gemindert.
Das hört sich nicht wirklich erholsam an. Ich weiß zwar nicht, welche Mittel man hat, aber ich würde mich vielleicht auch erkundigen, ob Du einen Teil des Urlaubs zurückbekommen kannst. Ziemliches Chaos in der Organisation dort…
Das mit Nokia habt ihr mitbekommen? Ich meine ja nur, wegen den 2 – 4 .000 Leuten die jetzt demnächst gerne etwas anderes machen wollen. Außerdem munkelt man (schon wieder) das TausendTonnenScheiße ebenso Stellen abbaut.
Man muss das ganze mit sehr viel Humor sehen. Die Fabrikleitung ist manchmal/oft/meistens etwas nervig. Und auch ansonsten arbeiten in der Fabrik überwiegend Bekloppte. Aber man kann damit leben und arbeiten. Hinzu kommt das doch sehr familiäre Betriebsklima. Man hat zwar Urlaub, so lange man aber nicht irgendwo in nem Funkloch in der Westsahara hockt, hat man aber auch irgendwie wieder keinen Urlaub. Fazit: Entweder Telefon ausmachen oder selbst schuld sein.