Speeddating – Der erste Blick zߤhlt
24. März 2008Keine Angst, ich als eingefleischter Misanthrop nehme nicht an solche Veranstaltungen teil. Jedoch muss ich ja auch noch eine Wohnung los werden1 und da gibt es eine ganze Reihe von Interessenten und vor allem Interessentinnen. Derzeit ist das geschätzte Verhältnis von männlichen zu weiblichen Bewerbern 3:30. Wobei die 3 männlichen Bewerber gezählt sind, die 30 weiblichen geschätzt. Ungefähr bei Nummer 20 habe ich nämlich aufgehört die Frauen zu zählen.
Die Palette an Bewerber war sehr unterschiedlich. Gleich der erste Bewerber versetzte mich wirklich in Erstaunen. Wäre es nach ihm gegangen, ich hätte nur das raus nehmen müssen was man auf die Schnelle raus tragen kann und den Rest hätte er dann so übernommen. Inklusive Einbauküche, Tapeten, Teppiche, Staub und Dreck. Leider versuchte er die ohnehin schon recht günstige Miete noch ein wenig zu drücken und fiel somit beim Vermieter durch. Eine Bewerberin kam mit Mutti, welche die Wohnung finanzieren sollte und jeden Winkel argwöhnisch in Augenschein nahm. Der nächste kam mit Papa, der die Wohnung auch mal gleich ausgemessen hatte. Wäre ich nicht so perplex gewesen als er ein Bandmaß aus der Tasche zog und begann auf einem Block den Grundriss zu skizzieren, ich hätte ihm ja gesagt das ich seit Jahren den Grundriss als CAD-Datei auf dem Computer habe und ihm einen Ausdruck hätte anfertigen können. Er war aber so sehr mit dem Ausmessen beschäftigt, da wollte ich ihn nicht stören. Ganz zu schweigen von den vielen Bewerbern die am Telefon durchklingen ließen das sie am besten schon am nächsten Tag einziehen würden, dann aber ohne Absage nicht zum vereinbarten Termin erschienen. Termin ausmachen, am Telefon ganz wichtig tun und dann ohne Absage nicht erscheinen kam übrigens in ca. 75% der Fälle vor. Unhöflichkeit ist wohl derzeit schwer in Mode.
Es erstaunt mich auch wie viele alleinstehende junge Frauen händeringend eine Wohnung suchen. An manchen Tagen hatte ich den paranoiden Gedanken das es sich bei den vielen Bewerberinnen lediglich um Leserinnen dieses Blogs handelt die mal kurz einen Blick auf den Autor werfen wollen, vielleicht bei der Gelegenheit auch gleich mal überprüfen ob ich ein geeignetes Opfer für den Traualtar bin. Oder so was in der Art. Etwas schlimmeres kann einem eingefleischten Misanthropen und Agnostiker wie mir ja gar nicht passieren.
Jedesmal wenn eine der Bewerberinnen ein wenig länger in meinem Schlafzimmer stand und sich etwas genauer umschaute, stand ich mit zitternden Knien dabei und sagte mir in Gedanken immer wieder »Ralf, die tun nix. Die wollen nur gucken. Die sind ganz harmlos und verschwinden gleich wieder«. Diesen Bewerberinnen habe ich in meiner bekannt berüchtigten Art, also unterschwellig und codiert mit kaum zu verstehenden Andeutungen, das Angebot gemacht doch mit in meine neue Wohnung einzuziehen. Als Gegenleistung für freies Wohnen wäre ich mit gelegentlichen sexuellen Handlungen, reinigen der Wäsche und Wohnräume sowie Zubereitung der Mahlzeiten zufrieden gewesen. Das wirkte sofort. Selbst wenn es nicht gewirkt hätte, es wäre nicht lange gut gegangen. Ich als Misanthrop bin ein schlechter Mitbewohner.
Aufgrund der zentralen Lage habe ich ja dann doch schon irgendwie damit gerechnet das hier recht viele Bewerber aus dem studentischen Umfeld aufschlagen, für die ist die Wohnung eigentlich sehr gut geeignet. Zentral, günstig, nicht zu groß, hohe Räume usw. Am Ende war es dann aber nur eine Studentin die sich die Wohnung angeschaut hatte und die studiert in Duisburg. Was ist los mit den Studenten von heute? Können die sich mittlerweile alle, trotz Studiengebühren, immer noch ein 5-Zimmer-Loft in bester Lage leisten? Oder sind 15 Minuten mit dem Fahrrad zur Uni für einen Studenten ein unüberbrückbares sportliches Ereignis?
Für die faulen Hörsaalbewohner gäbe es ja auch noch die Möglichkeit mit der U-Bahn zur Uni zu fahren. 5 Minuten zum Bahnhof laufen, 5 Minuten Fahrt mit der U-Bahn und direkt an der Uni aussteigen. Da wäre wohl das größte Hindernis die 5 Minuten zu Fuß zum Bahnhof. Für diesen Fall gibt es hier massig Parkplätze und der Parkplatz an der Uni ist einer der größten in Essen.
Vielleicht haben Studenten auch so eine Art von Pendelzwang. In Essen studieren und in Mönchengladbach wohnen, nur damit man seinen Kindern mal erzählen kann wie schwer man es zu Studienzeiten hatte und wie gut sie es doch hätten. Studenten sind ein merkwürdiges Volk, wenn ich es mir so recht überlege, bin ich ganz froh darüber das die hier nicht in Scharen aufgeschlagen sind.
Das Frauen unter einer gewissen Orientierungslosigkeit leiden ist übrigens kein Gerücht, sondern hat sich in den letzten Wochen mehrfach bestätigt. Die häufig gestellte Frage wie weit es denn zum Bahnhof sei, verstand ich normalerweise als missglückten Versuch mir ein unnötiges Gespräch aufzudrängen. Ebenso wie die Frage ob “das da drüben” die S-Bahngleise seien. Die Frage ob hinter der Schallschutzmauer die Autobahn wäre, empfand ich fast schon als Provokation. Und die Mutmaßung die Gleise wären vielleicht außer Betrieb, schob ich auf das doppelte X-Chromosom und die damit verbundenen Defizite im Erfassen von logischen Zusammenhängen.
Liebe Frauenwelt, ich weiß das ihr und Stadtpläne euch spinnefeind seid. Trotzdem kann es nicht schaden vor Besichtigung einer Wohnung mal einen Blick drauf zu werfen. Irgendwie seid ihr ja auch hier her gekommen, wie macht ihr das nur ohne auch nur einen Blick auf den Stadtplan zu werfen? Durchfragen? Instinkt? Immer dem Geruch nach?
Ok, ihr könnt also nix mit dem vielen buntem Papier anfangen. Schaut trotzdem mal drauf. Die dicke Linie da oben ist die Autobahn, die schwarzen Linien da drüben ist die S-Bahn. Und ja, beides macht Krach, an den kann man sich aber gewöhnen und so wirklich laut ist das nicht. Ich wäre ja gerne bereit gewesen mit der einen oder anderen einen kleinen Spaziergang um die Häuser zu machen, leider fehlte mir i.d.R. die Zeit dazu. Außerdem was hätte es gebracht? Wären wir unterwegs, warum auch immer, getrennt geworden, sie hätten nie wieder nach Hause gefunden. Dann wäre ich schuld an dem Verschwinden einiger Frauen und würde wahrscheinlich als psychopathischer Irrer in die Kriminalgeschichte eingegangen. Das war eigentlich nicht Ziel meines Lebens.
Liebe Frauen, merkt euch doch bitte das ich Angst vor euch habe und mit euch nicht spazieren gehe wenn nicht wenigstens eine Begleitperson dabei ist. Vor allen Dingen dann nicht, wenn ihr so orientierungslos seid das ihr S-Bahngleise nicht einmal dann erkennt, wenn ihr drauf steht und der nächste Zug nur 3 Sekunden entfernt ist.
Wobei diese absolute Orientierungslosigkeit endlich mal eine schlüssige Erklärung dafür ist warum Frauen sich im freien immer an Männern klammern und so gerne Händchen halten. Die sind nicht romantisch, die haben nur Angst das sie verloren gehen. Frauen würden sich wahrscheinlich sogar im Klo verlaufen würden sie nicht zu zweit dahin gehen.
Zum Glück ist das Spektakel bald vorbei. Ich bin ausgezogen und dann soll es mal nicht mehr meine Sorge sein wer hier erscheint oder nicht erscheint um sich die Wohnung anzuschauen. Ich habe die Wohnung in den letzten Wochen so sehr gelobt, sie so schön geredet, sie in allen wunderbaren Farben dieser Welt dargestellt, dass ich fast nicht mehr ausziehen wollte. Jetzt ist es aber bald so weit und ich hoffe das ich sowas so schnell nicht noch einmal mitmachen muss. Schlimm das alles für einen Misanthropen wie mich.
1 Falls noch jemand Interesse an einer sehr zentral gelegenen Wohnung (Essen/Ruhr, 5 Minuten zu Fuß zum Hauptbahnhof) mit ca. 48m² hat, kann sich ja gerne bei mir melden.


keine Angst, Ralf, ich tue dir nix*g*- sorry aber ich fand das wirklich unheimlich witzig. Ich hoffe dein Umzug ist vonstatten gegangen und du fühlst sich dort auch wohl.
Liebe Grüsse
Susi
Vor dir habe ich keine Angst, du hast ja schon dein “opfer” gefunden
Umzug ist noch nicht ganz fertig, wird aber. Ich hoffe zum 1.4. ist soweit alles über die Bühne.