Marktlücken

11. Juni 2008

Ich bin ja der festen Überzeugung das Firmen nie das entwickeln und anbieten was der Kunde benötigt. Viel mehr ist es so, dass die Firmen sich sauteure Berater ans Bein binden die auch nicht wissen was der Kunde sich wünscht und brauchen könnte, um aber nicht als saublöd da zu stehen, erfinden sie einfach irgendwelche Produkte und tun so als wenn der Kunde diese haben wollte. Damit man nicht zig Millionen Euro an Entwicklungskosten in die Tonne treten muss, wird dann eine riesige Kampagne gestartet die so lange auf die Kunden eindröhnt, bis diese glauben sie bräuchten den Mist der da gerade wieder auf dem Markt gekommen ist.
Smoothies wären da ein wunderbares Beispiel. Weder richtiger Saft noch Brei und schon gar keine Frucht. Also nichts halbes und nichts ganzes. Aber so lange man “Gesund” und “Fit” in Kombination mit “Muss man jetzt haben” drauf schreibt, wird es auch irgendwann jemand kaufen. Als würde man von dem Zeug 100 von den 150 zuvielen Kilos verlieren oder als wäre es das Heilmittel gegen Allergien und andere tödlich verlaufende Krankheiten.

Aber auf solch hippen Designerquatsch wollte ich eigentlich gar nicht hinaus. Was mich aus beruflichen Gründen viel mehr stört sind die Navis. Seit etlichen Jahren gibt es nun Navigationsgeräte in allen erdenklichen Formaten. Ob nun fest eingebaut, als Kaschterl zum mit rumschleppen oder auf dem Handy. Mittlerweile fahren die Leute ja schon mit Navi zur Tankstelle weil sie den Weg ständig vergessen.
Und so werden die Dinger auch immer günstiger. Mein Navi von Medion hatte damalsâ„¢ rund 300 Euro gekostet. Als ich mal auf die Webseite von Medion nach Zubehör schaute, fiel ich fast vom Stuhl. Denn alleine für zusätzliche Karten waren bis zu 200 Euro fällig. Heute bekommt man schon Navis für rund 100 Euro inkl. Kartenmaterial für West- und Osteuropa. Nun kann auch Heinz Hartz der VI. in einem Rutsch von Portugal bis nach Warschau fahren ohne vom rechten Weg abzukommen.
Wer im hart umkämpften Markt der Navigationsgerätehersteller bestehen will, der muss sich schon so einiges einfallen lassen. Die einen versuchen es mit edlem Look damit das Navi sich nahtlos in den gepimpten Golf III einfügt. Die anderen bieten tägliche Softwareupdates an damit man nicht in den gleichen Stau reinfährt in dem jeder andere Navibenutzer auch schon reingefahren ist. Spart dafür aber an allem anderen, inkl. funktionierendem Navi, damit der Kunde sich über ein ständig abstürzendes Gerät an der Windschutzscheibe erfreuen kann. Wieder andere bauen noch eine Kamera in das Navi ein. Sollten die Digiknipse und das Fotohandy mit seiner 6MegapixelCarlZeisOptik mal beide gleichzeitig den Geist aufgeben, hat man immer noch diesen kleinen handlichen Backstein mit dem man schicke Fotos vom Igel machen kann den man soeben überfahren hat. Bluetoothfreisprecheinrichtung ist ja auch schon fast Standard bei Navis. Wenn mein Handy bimmelt, habe ich die freie Auswahl ob ich über Headset, Radio, fest eingebautem Telefon oder Navi das Gespräch annehmen möchte. Wobei das mit der freien Wahl ja fast so wie mit dem Freien Willen ist. Man glaubt sie zu haben, in Wirklichkeit hat man aber nix. Denn bimmelt das Handy, versucht jedes blöde Gerät das Gespräch anzunehmen und am Ende funktioniert gar nichts. Würde mich nicht wundern wenn die ganzen Geräte sich heimlich gegenseitig mit Stromstößen attackieren um die Bluetoothkonkurrenz auszuknipsen.

Mittlerweile kann ich mit einem Navi fast mehr machen als mit meinem PC zu hause. Fehlt nur noch ein Mikrowellensender um Dosensuppen warm zu machen. Das einzige was ich nicht wirklich mit dem Navi machen kann, ist Navigieren. Also das, wozu man sich das Ding eigentlich angeschafft hat. Von der Haustür zur Tankstelle geht es ja noch. So halbwegs. Aber sobald es in eine andere Stadt geht, wird es kritisch. TMC sei Dank. Und wenn man dann so wie ich auch noch mit dem LKW inkl. Hänger unterwegs ist, dann wird es richtig abenteuerlich.
Montag zum Beispiel musste ich von Velbert nach Sundern fahren. Im LKW habe ich ein Garmin Nüvi (von der Firma gestelltes Navi) in dem die Kunden als Favoriten abgespeichert sind. Ein, zwei Fingertipps auf den Touchscreen und das Navi berechnet brav die Route. Nun ist es ja nicht so als wenn ich den Weg nicht kennen würde. Aber da der Weg über ein paar sehr stauträchtige Autobahnen führt, benutze ich ganz gerne das Navi. Denn immer wenn im Radio die Staudurchsagen kommen, ist der Empfang gerade schlecht, der Stau in dem man gerade steht wird nicht angesagt oder ich werde angerufen und das Radio schweigt. Soll mich doch die tolle neue Technik aus dem Schlamassel rausführen, wozu hat das Ding TMC?
Ich gebe die Antwort schon mal im Voraus: Damit ich auch mal was von dieser Welt sehe. Bunte Kühe und schnuckelige Dörfer mit 30 Einwohnern zum Beispiel.
Auf der A46 war am Montag ein netter kleiner Unfall der dazu führte das die Autobahn komplett gesperrt wurde. Mein Medion Navi sagt in so einem Fall an das da ein Unfall ist und das die Route neu berechnet wird. Ich kann mich also geistig darauf einstellen und ggf. selber mal in die Karte schauen. Das Garmin Nüvi hingegen ist in diesen Punkt sehr schweigsam. Deshalb war ich auch ein wenig verblüfft als ich plötzlich 1km vor Menden stand anstatt in Sundern. Erst dachte ich, ich hätte mich bei der Auswahl der Favoriten vertan, haben wir doch auch einen Kunden in Menden. Als das Navi mir dann aber sagte ich solle rechts abbiegen anstatt gerade aus zu fahren, war mir klar das der Fehler nicht bei mir lag.
Auf der winzigen Karte im Display sah die komplette Route auch gar nicht so schlimm aus. Da lagen Menden und Sundern recht nah beieinander und am anfangs war es auch noch ganz ok, ein paar enge Kurven und einmal quer durch Hemer. Nichts wirklich schlimmes. Allerdings fängt hinter Hemer bereits das wilde Sauerland an, eine Region die man besser nur mit einer fundierten Ausbildung in Überlebenskampf bereist. Ich war irgendwann recht froh das mein LKW etwas höher gelegt ist, lediglich den Allradantrieb hatte ich ein wenig vermisst. Denn da wo mich das Navi lang führte, wäre ich mit dem PKW niemals lang gefahren. Mir kam auch kein einziger PKW entgegen, lediglich zwei Trecker.
Nach einigen Litern Schweiß und Adrenalin bin ich dann doch noch angekommen. Sauglücklich das ich weder über noch unter eine Brücke her fahren musste. Wobei Brücken im Sauerland eher selten vorhanden sind und wenn doch, dann so hoch das man kaum hängen bleiben kann.
Allerdings hatte ich auch schon andere Erlebnisse. In Kirkel bin ich schwungvoll einen Berg hinauf und im letzten Augenblick genauso schwungvoll auf den Busbahnhof abgebogen da ich noch das Schild “3,20m” kurz vor der Kollision mit der Bogenbrücke bemerkt hatte. Auf dem Weg nach Schwollen gab es ebenfalls einen Unfall und eine gesperrte Landstraße. Dank Navi habe ich eine richtig schöne Rundreise quer durch das komplette Moseltal gemacht. Irgendwo in einen winzigen Dorf wies mich das Navi an ich solle links abbiegen, was ich dann auch tat. Gut 900 Meter hinter der Kreuzung stand am rechten Straßenrand ein einsames Schild mit der Aufschrift “3,70m“. Der LKW ist 3,80m, mit Container 3,90m. Die Landstraße war knappe 5 Meter breit, zu schmal um mit einem Hängerzug zu wenden und eine Kreuzung oder eine andere Möglichkeit zu wenden nicht in Sicht. Also munter drauf los und gehofft das vor der Brücke noch irgendwo eine Straße abgeht. Nach rund 10km stand ich dann doch vor der Brücke. Mein erster Gedanke war »OK. 10km rückwärts bis zur Kreuzung und dann rauchste dir erstmal eine.« Der nächste Gedanke war dann Hänger abmachen, Luftfederung absenken und hoffen das der LKW dann nur noch 3,70m hoch ist, den Abrollcontainer ablassen und unter der Brücke durchschlörren. Anschließend den Container abstellen, mit dem Container auf dem Hänger das gleiche Spiel, den Hänger auf die andere Seite holen und zum Schluss alles wieder zusammenbasteln. Bevor ich den Plan dann in die Tat umsetzen konnte, verriet mir ein vorbeifahrender Taxifahrer das die Brücke knapp 4 Meter hoch ist, das Schild sei falsch.
Leider habe ich an diesen Punkt das Navi nicht gleich in der Mosel, an deren Ufer ich nun stand, versengt. Denn keine 5 Minuten später wollte es mich quer durch eine beschauliche Altstadt eines Moseldorfes schicken, was ich aber hartnäckig verweigerte. Zur Strafe musste ich dann in einen anderen Kuhdorf wieder einmal links abbiegen. Und wieder stand am Wegesrand ein einsames Schild. Diesmal kündigte es mir an das ich nicht mehr als 9 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht haben dürfte. Ich war zu diesem Zeitpunkt in der festen Annahme das alle Schilder im Moseltal falsch seinen und es sich lediglich um eine kleine Brücke handelt über die ich doch noch drüber fahren könnte. Dem war auch so, es war lediglich eine kleine, sehr kurze Brücke über die ich problemlos fahren konnte. Wesentlich problematischer war der Weg der zur Brücke hin und am anderen Ufer von ihr weg führte. Denn die Brücke führte über einen kleinen Bach welcher in einem tiefen, sehr tiefen, und finsteren, sehr finsteren Tal lag. Der Weg war zwar asphaltiert, jedoch kaum breiter als der LKW. Da es auf der einen Seite steil bergab und auf der anderen wieder ebenso steil bergauf ging, musste ich die eine oder andere Kurve und Serpentine bewältigen. An manchen Stellen kam mir das Nummernschild welches ich vor mir sah sehr bekannt vor. Kein Wunder, war es doch das hintere Nummernschild des Anhängers. Ja zugegeben, kleine Übertreibung. Nicht übertrieben ist es jedoch, wenn ich sage das ich mehr als einmal den Hänger quasi neben mir hatte. Richtig spannend wurde es als mir der einzige Waldbauer im Umkreis von 50km mit seinem Suzuki Vitara inkl. Anhänger entgegen kam. Er rettete sich, seinen Vitara und die allgemeine Verkehrssicherheit durch ein gekonntes Ausweichmanöver in die seitliche Vegetation. Ich bin ihm immer noch zu tiefst dankbar für diese Aktion. Denn wenn 440PS auf einer 3,50m breiten “Straße” 20 Meter LKW einen steilen Berg hinauf schleppen, dann ist da nicht viel Spiel für Ausweichmanöver.
Aber man muss einen LKW-Fahrer nicht ins wilde Sauerland oder ins finstere Moseltal lotsen um ihn in den Wahnsinn zu treiben. Es reichen schon ein 3,80m hoher LKW und Düsseldorf. Ich habe schon einen LKW-Fahrer erlebt der trotz -oder gerade wegen- eines Navis aus Düsseldorf zurück kam, die Hälfte der Ware noch auf dem LKW hatte und sich schwor nie wieder einen Fuß in dieses, Zitat, “Scheißkaff!!” zu setzen.

Die Hersteller der Navis bringen jedes Jahr neue Modelle mit noch mehr unsinnigen Quatsch heraus. Was bis jetzt noch fehlt, ist ein Navi mit dem man unterwegs auch noch Fernsehen kann. Wenn man mit dem LKW mal wieder an einer viel zu niedrigen Brücke hängt oder sich in einer engen Wohnstraße festgefahren hat, wohl eine äußerst nützliche Funktion.
Wesentlich nützlicher wäre es hingegen, ein Navi speziell für schwere LKWs heraus zu bringen. Mir persönlich würde es schon reichen wenn ich für mein Navi eine passende Software zu einem bezahlbaren (!!) Preis kaufen könnte (Nein! Die Produkte von Map&Guide sind weder bezahlbar noch funktionieren sie wirklich). Und ich bin mir sehr sicher das es da nicht nur mir so geht, sondern viele andere LKW-Fahrer ebenso bereit wären ein paar Euro in eine vernünftige Software bzw. ein geeignetes Navi zu investieren. Bei einigen hunderttausend LKW-Fahrern eine nicht zu unterschätzende Marktlücke.
Wahrscheinlich wird es aber eher Navis mit Karten vom Nord- und Südpol geben die auch noch mit Solarenergie Kaffee kochen. Irgend ein Depp würde sich auch das dann noch kaufen und somit die ach so tollen Berater bestätigen die schon immer gesagt haben das der Kunde dringendst mehr Karten von exotischen Ländern benötigt.

Ralf

Es existieren 2 Kommentare für diesen Eintrag:

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[...] Passt gerade so schön vom Kontrast her: Die Realität jedoch hat wenig mit Textilhäuten und zwinkernden Scheinwerfern zu tun, wenn man einen 40-Tonner fährt, dummerweise vor einer Brücke steht, unter der man nicht durchpasst, es zugleich aber keine Wendemöglichkeit gibt (10 KM rückwärtsfahren im Auto sind schon heavy, aber im LKW mit Anhänger?). Artikelzusatzinfos 1. Tags: autos, bmw, ideen 2. weitere Artikel (Kommentare) [...]

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Tim schrieb:

Richtig. Bei uns geht eine schmale Strasse durchs Moor, ist aber Landesstrasse (soviel Strassen gibt es im Moor nicht…). Gesperrt für LKW über 7,5t. Sobald auf der Autobahn Stau ist, fährt eine LKW-Kolonne durchs Moor – das Navi zeigt den Weg. Folge: Die Strasse, die eh schon einer Achterbahn gleicht, sackt noch weiter ab. Soll der Staat den Navi-Herstellern die Kosten der Sanierung aufdrücken?