Follow-Friday & Linking-Tuesday
21. April 2009Und morgen ist InDerNaseBohren-Mittwoch. Seitdem ich bei twitter angemeldet bin, habe ich recht viele merkwürdige Bräuche kennen gelernt. Da wäre zum Beispiel der Follow-Friday, an dem sich twitter-Nutzer gegenseitig andere twitter-Nutzer empfehlen denen man folgen sollte. Warum auch immer. Oder der Linking-Tuesday, an dem jeder so viele Links fallen lässt wie nur möglich. Obwohl manche bei twitter ohnehin kaum etwas anderes machen als Guckmalhier- Guckmalda-Links zu setzen. Das sind halt so “lustige” Spielereien die man mit twitter machen kann, ein Rumprobieren was geht, Austoben der Möglichkeiten.
Im Grunde genommen ist es vergleichbar mit den Spielereien die man in Blogs damalsâ„¢ veranstaltet hatte. Ob nun Stöckchen oder später Blog-Paraden, alles diente nur den Zweck (noch mehr) Blogs zu verlinken auf das diese berühmt, reich und schön werden.
Stöckchen hebt mittlerweile kaum noch jemand auf. Es ist en vogue diese mit dem Hinweis es möge sich bedienen wer mag, liegen zu lassen. Und Blog-Paraden waren eigentlich doch ohnehin nur bei den Web2.0-Faschisten beliebt die ihr Blog finanziell ausquetschen wollten wie eine Zitrone. Diese ganzen Link-Spielchen führten am Ende lediglich dazu, dass keiner mehr Lust darauf hatte und niemand mehr so wirklich daran teil nahm.
Aber auch Blogrolls sind schon seit längerem aus der Mode. Kein Wunder, ändern sich doch mit der Zeit die Vorlieben und nicht wenige Blogs geben auf oder ziehen um. Für die Pflege der Blogroll bleibt jedoch eher wenig Zeit übrig, so dass es nahe liegt diese gleich ganz raus zu werfen.
Für mich durchaus nachvollziehbar, habe ich doch heute selber noch ein Blog aufgrund unerträglich gewordenem Geschwafel aus meinem Feedreader geworfen und hätte auf der anderen Seite keine Lust deswegen auch noch gleich meine Blogroll zu aktualisieren.
Es herrscht also mittlerweile Linkmangel in der deutschen Blogsphäre. Dieser ist so dramatisch, dass Robert Basic bereits einen warnenden Tweet abgesetzt hatte. Und StyleSpion setzte nach indem sie nun den Ich ♥ Blogs-Tag ausgerufen haben. Öhm ja. Für diesen Dienstag. Heute also. Etwas kurzfristig quasi. Hab ich gar nicht mitbekommen. War was?
Der Linkmangel ist für mich nicht so wirklich wichtig. Links waren und sind überbewertet und nur eine virtuelle Währung für den digitalen Basar. Was mich allerdings schon ein wenig nachdenklich macht, ist der Umstand das ich es nirgendwo gelesen habe das heute der Ich ♥ Blogs-Tag ist. Ich habe das Gefühl, dass die Blogs untereinander nicht mehr so stark vernetzt sind wie noch vor ein paar Jahren. Vor zwei oder drei Jahren ging jeder Pups sofort in die Heavy Rotation sobald er auch nur irgendwo erwähnt wurde.
Ich nehme mal das Beispiel WordPress und seine neuen Versionen. Hatte ich zur Version 2.0 (also so gegen Ende 2005 rum)Â kaum einen Satz gebloggt, schon gab es zig Reaktionen darauf. Sucht man Informationen zur neuen 2.8er Version, muss man hingegen schon themenorientierte Spezial-Blogs aufsuchen. Allgemein wird nicht mehr jeder Pups von jedem Blog weiter gereicht, so zumindest mein Empfinden. Woran das liegt? Gute Frage.
Vielleicht weil sich jeder denkt dass das andere Blog, welches ja auch viel mehr Leser hat, es ohnehin schon erwähnt hat und man es nicht noch ein siebzehntes mal erwähnen müsste. Oder weil man es selber erst gar nicht mitbekommen hat. Mitunter auch deswegen, weil andere Dinge sehr viel Zeit und Energie verschlingen. Twitter zum Beispiel.
Auf twitter wird sehr viel verlinkt. Wirklich sehr, sehr viel. Ich selber folge gerade einmal 24 Leuten, kann mir aber jetzt schon kaum noch alle Links anschauen. Dazu kommen die Links die ich aus den Feedreader empfange und die auch gerne mal betrachtet werden wollen. Nicht zu vergessen das es auch noch Blogger gibt, die hin und wieder mal etwas bloggen was man gerne lesen würde. Wenn man denn Zeit hat.
Blogs haben sich kannibalisiert. Ihre Messer sind Social Networks und ihre Kochtöpfe sind tweets&Co. Der Tag hat nun einmal nur 24 Stunden und die sind nicht alle für das Internet reserviert. Selbst wenn man also sehr viel Zeit im Internet verbringen würde, man müsste die Zeit auf immer mehr Plattformen verteilen so das für jede Plattform immer weniger Zeit übrig bleibt. Eine Entwickelung die ich in guter alter I-Said-So-Manier schon vor einigen Jahren voraus gesagt hatte. Gerne würde ich auch mit den mahnenden Zeigefinger auf das von mir damals gesagt und geschriebene zeigen, könnte ich es denn wieder finden. Kann ich aber nicht.
Wer hat also noch die Zeit mehr als 140 Zeichen am Stück zu lesen? Wer kann es sich erlauben das langatmige Interview mit Webgröße XY ganz zu verfolgen und anschließend auch noch über das Gesagt nachzudenken? Wer nimmt sich noch die Zeit längere Artikel richtig zu lesen anstatt sie nur quer zu überfliegen? Und vor allem, wer hat noch Zeit Kommentare abzugeben und auf Reaktionen zu reagieren?
Seitdem ich mich bei twitter angemeldet habe, frage ich mich wie man mehr als 1.000 Twitter-Nutzern gleichzeitig folgen kann. Wie bewältigt man diese Informationsflut wenn man nicht einen erheblichen Teil einfach überspringt und ignoriert. 90% des gefolgtem scheinen also für die Müllhalde zu sein da es kaum noch aufgenommen werden kann. Eine Informations-Inflation der willig gefolgt und die bereitwillig gefördert wird.
Warnende Twets und Ich ♥ Blogs-Tage sind nichts anderes als eine weitere Inflation der Links. Mag ja sein das die Linkdichte durch solche Aktionen kurzfristig zunimmt, gelesen wird deswegen trotzdem nicht mehr. Und wenn nichts gelesen wird, werden auch keine Informationen weiter gegeben. Es wird dadurch auch nicht mehr kommentiert, also werden weniger Meinungen ausgetauscht. Unterm Strich bleibt es also bei dem Status das Blogs als Ganzes, also als Blogsphäre, nicht mehr richtig funktionieren.
Einst sollte die Blogsphäre dafür sorgen das Informationen sehr schnell verbreitet werden, ein Umstand der den klassischen Medien das Fürchten lehren sollte. Jetzt ist es aber so, dass Informationen teilweise gar nicht mehr weiter gegeben werden. Oder auf anderen Kanälen, so dass ein Großteil der Blogsphäre davon nichts mitbekommt. Vor was sollten sich die klassischen Medien also noch fürchten wenn niemand mehr Blogs liest? Wenn Diskussionen eher die Ausnahme als die Regel sind. Wenn Informationen nur noch verspätet oder gar nicht weiter gereicht werden. Höchstens davor das die Papierpreise mal wieder steigen könnten. Vor Blogs braucht sich heutzutage kein Medienmensch mehr fürchten, denn sie sind weder eine Alternative noch eine Konkurrenz.
Ich gehe davon aus das diesen Text ca. 3 Leute lesen werden. Wenn es hoch kommt. Die Anzahl der Kommentare wird sich zwischen einem und null einpendeln, die Anzahl der Track- und Pingbacks wird definitiv null nicht übersteigen. Eine Diskussion mit neuen Argumenten oder neuen Ideen wird sich nicht entwickeln. Blogs sind wieder das was man ihnen am Anfang nachgesagt hatte: Digitale Tagebücher.
Warum schreibe ich dann diesen langen Text wenn ihn ohnehin so gut wie niemand lesen wird? Damit ich in 2 oder 3 Jahren, wenn Blogs gar keine Rolle mehr spielen werden, mit den Finger drauf zeigen und mein I-Said-So-Mantra murmeln kann.


Erster!
Du kannst aber nur mit dem Finger darauf zeigen wenn du es noch findest, das is der Knackpunkt.
Da hast du aber mal sehr sehr recht. Ich benutze Twitter anfallartig, und noch anfallartiger, um mit Links um mich zu werfen. Weil, genau, weil ich das in meinem Weblog nicht mehr haben will, so Sachen, die man gesehen hat und weitergeben will, und sonst aber nicht ausgiebig darüber philosophieren will.
Diskussionen gehen ja tatsächlich besser in Dirkussionsforen. Die Werkzeuge im Netz werden halt immer spezifischer.
Und so, völlig richtig, werden Weblogs wieder zu Tagebüchern. Das sind die einzigen Weblogs, die noch eine Chance haben ernsthaft gelesen zu werden. My own private bigbrother, sozusagen.
Verlinkung laufen auf Twitter und Diskussionen so Dingern wie Facebook, denke ich.
Dann gibt es ja noch so Sachen wie tumblr, wo die Leute sich gegenseitig totzitieren oder ffffound für luschtige bilder.
Für jeden etwas. All diese Dinger haben Funktionen aus den Weblogs abgezogen, weil sie das jeweils besser machen. Bleibt also das Tagebuch als Kernkompetenz über.
Ach ja, nochwas: Das mit den Followern, Bloglesern usw. ist ja immer undurchsichtiger. Ich glaub da gar keine Zahl mehr.
Ich lese meine Stats regelmäßig, glaub die Zahlen regelmäßig nicht und wundere mich über die Wege, wie manche zu meinem Weblog finden. Ich hab mal einen Moosetown-Comic verlinkt, der ist für locker ein Viertel aller referals zuständig. Glaube ich auch irgendwie nicht…
BTW: Ich les das hier immer gerne. Bin wahrscheinlich Leser Nr.2 …
Leser Nr. 3
Ich denke, Blogs haben nach wie vor ihre Berechtigung. Angst braucht der etablierte Journalismus keine zu haben, allerdings galt das schon von Anfang an.
Ich lese viele politische Blogs und dort finde ich Informationen und Meinungen, die ich sonst so in der Presse nicht finde (oder sie stehen tatsächlich dort und dann bekomme ich den Link über Blogs). Oder auch zu webrelevanten Themen (Vorratsdatenspeicherung, KiPo-Filter etc.) oder Themen des Datenschutzes oder Medienkritik oder ….
Aus meiner Sicht kann ich nicht sagen, dass es in Richtung Tagebuch (zurück)geht.
@Jo: Ich werde mir den Link merken
@Gerd: Genau genommen hatte ich immer gesagt das mit steigender Anzahl an Blogs die Besucher für das einzelne Blog immer weniger Zeit haben werden. Twitter und tumblr (mal als Beispiele) sind quasi die Konsequenz aus der ständig steigenden Anzahl an Content-Produzenten. Die Inhalte müssen immer stärker komprimiert werden damit sie noch in die verbleibende Aufmerksamkeitsspanne von 3-5 Sekunden rein passen.
Die vielen verschiedenen Dienste sind im Grunde genommen nicht der Tod der Blogs. Del.icio.us kann man ganz prima für Links verwenden. Flickr super für Bilder. Beide kann man absolut einfach in sein Blog einbinden. Jedoch buhlt mittlerweile jede Plattform, sei sie auch noch so simpel gestrickt, darum der zentrale Mittelpunkt eines jeden Nutzers zu werden. Irgendwann fällt das Blog hinten über weil weder der Autor noch der Besucher wirklich Zeit dafür haben. Der Besucher muss zig Plattformen abgrasen, der Autor muss zig Plattformen bedienen. Früher oder später ist das Blog dann nicht mehr Mittelpunkt, sondern nur noch Beiwerk. Spätestens dann ist es nur noch Hort für gelegentliche Tagebucheinträge.
@Tobias: Blogs sind aber mit einem ganz anderen Anspruch gestartet. was hörte man nicht alles was Blogs in 2-3 Jahren (also dieses oder nächstes Jahr) sein sollten. Sie sollten den klassischen Medien mal zeigen wo der Hammer hängt. Ihnen so richtig Konkurrenz machen. Denn Blogs sind ja schneller als Print und TV (Tsunami-Katastrophe), authentischer und Graswurzeliger als die alten, langweiligen Medien. Über Twitter wird mittlerweile ähnliches gesagt. Es sei schneller (seit dem Foto des notgewasserten Flugzeugs auf dem Hudson River), es sei der Telegraph der Zukunft, der Ticker den man nicht verpassen darf.
Sicherlich findest du in Blogs weitergehende Informationen. Aber in wie fern haben z.B. Blogs die Politik beeinflusst? Ganz aktuell z.B. die Diskussion um die KiPo-Sperrlisten? Ich meine mich erinnern zu können das zur Bundestagswahl 2005 gesagt wurde das die Politiker die 2009 nicht bloggen, keine Chancen mehr haben werden. Naja, Blogs bilden in der Politik nicht mal mehr eine Randerscheinung. Von Einfluss ganz zu schweigen. Des Volkes Stimme versiegt im digitalen Rauschen.
Was bleibt ist ein (politisches) Tagebuchgeschreibe. Man tauscht sich untereinander aus, findet Menschen mit gleichen Interessen und ab und an diskutiert man auch mal miteinander. Aber bei 82 Millionen Bundesbürgern und ca. 800.000 Blogs, davon eine Hand voll politisch aktive, kann man wohl kaum von einem Medium sprechen. Da haben Karnickel- und Taubenzüchter mehr Einfluss auf das politische Geschehen.
Würde die Blogsphäre funktionieren, wären die Blogs untereinander stärker vernetzt und hätten somit auch mehr Einfluss. Denn dann würden sie als Masse wahr genommen werden, nicht als individuelle Meinungskundgebung einiger weniger.
Ralf, das stimmt, Blogs haben bisher in Deutschland sehr wenig Einfluss auf Politik oder andere gesellschaftliche Bereiche. Ich fand aber den Anspruch, dass Blogs nun alles besser machen und den Journalismus revolutionieren und die Gesellschaft und Politik gleich mit dazu, schon immer sehr hochgegriffen. Ich habe (politische) Blogs eher als Mittel der Meinungsbildung denn der konkreten politischen Einflussnahme gesehen. Für eine Einflussnahme müsste es in der Tat stärkere Vernetzung und Kooperation geben, aber in Blogs macht jeder eher sein eigenes Ding, kommentiert dies und das. Mache ich auch nicht anders …
Die Aktion zur Demo gegen die Vorratsdatenspeicherung war vielleicht die einzige nennenswerte Ausnahme. Ohne Blogs hätten sich sehr viel weniger von dieser Demo gehört und die Teilnahme wäre sehr viel geringer gewesen. Denn in der klassischen Presse war das Thema nicht präsent und die Demo schon gleich gar nicht.
Blogs greifen eben häufig auch Themen auf, die in Zeitungen/Fernsehen zu kurz kommen oder dort einen falschen Spin haben. Sie sind eine Stimme gegen den Mainstream. Und man findet Blogs, die von Leuten mit Sachverstand geschrieben werden. Über Themen der Finanzkrise habe ich viel in weissgarnix.de und egghat.blogspot.com gelesen. Als Politker noch davon schwadronierten und Journalisten es nachplapperten, es komme alles gar nicht so schlimm und Deutschland wird der Fels in der Brandung sein und unsere Banken sind sauber und gesund, stand Gegenteiliges schon in beiden genannten Blogs. Der Einfluss beider Blogs? Geht gegen Null. Aber ich und sicher ein paar hundert andere Leser fanden es trotzdem super, diese Infos dort lesen zu können. Bei weissgarnix.de wird auch fleißig kommentiert.
Es gibt auch schöne (Natur-)Wissenschaftsblogs.
In Amerika übrigens haben beide Bloggattungen (Science- und Politblogs) schon einen deutlichen größeren Einfluss als hier in Deutschland. Vielleicht kommt das hier auch noch, vielleicht ist Deutschland auch kein Land von Bloggern, wer weiß.
Was ich allerdings schwinden sehe, ist die Verlinkungshäufigkeit. Diese “guck mal hier, hab ich da und dort gelesen”-Posts verschwinden. Das wandert wohl tatsächlich nach Twitter ab. Ansonsten sehe ich eher ein Differenzierung, eine Spezialisierung. Aber im Grunde bleibt die Blogosphäre das, was sie schon immer war: ein bunter Strauß voll Blumen, in dem jeder etwas zum lesen findet. Bisher allerdings alles ohne Einfluss nach außen. Aber Spaß machts trotzdem.
Also ich hab das mit großem Interesse gelesen. Es wachsen ja immer wieder Unwissende nach, die solche Informationen brauchen. Mein Blog hab ich vor 3(?) Jahren gestartet als PR-Maßnahme für ein Hotel im Aufbau. Das Hotel hat sich sehr verzögert und das Blog ist ein Selbstläufer geworden, ohne Anspruch von Weltverbessern oder so. Ich bin froh, zur Zeit auf immer mehr intelligente und sympathische Netzwerke zu treffen, die ich ohne diese Bloggerei im Leben nie kennenglernt hätte.
Danke fürs Zuhören …