Pest oder Cholera

18. September 2005

Die Stimmen nach der Wahl sind entsprechend der Ergebnisse überall gleich. Gewonnen hat, laut eigenen Aussagen, jeder, verloren haben die Anderen.

Franz Müntefering ist sich sicher, dass die Wähler Gerhard Schröder behalten wollen. Ob Münteferings Realitätsverlust noch heilbar ist, damit er irgendwann vielleicht einmal als Lokalpolitiker in einem entfernt gelegenen Bergdorf weiter wirken kann, ist ungewiss. Gewiss ist das 66% der Wähler von Gerhard Schröder nichts mehr wissen wollen. Geht man davon aus das im schlimmsten Fall 50% der SPD-Wähler die SPD nur deshalb gewählt haben, weil sie sich dachten das die Pest zwar schlimm aber nicht so schlimm wie die Cholera ist, dann bleiben der SPD grade einmal noch 15% der Wählerstimmen übrig. Katastrophale Zustände bei der SPD die nur durch ein paar Verzweifelungstaten unentschlossener Wähler abgemildert wurden.

Bei der CDU/CSU sieht es hingegen nicht anders aus. Genau genommen noch viel schlimmer. Denn die 36% der CDU/CSU verteilen sich auch noch auf zwei Parteien. Ohne die Stimmen der CSU währe die CDU mittlerweile Oppositionsinventar. Trotzdem redet Angela Merkel im ZDF die Niederlage schön. Es wäre ja nicht das erste Mal das die CDU weniger als 40% der Stimmen bekommen hätte. Nach Einwand eines ZDF-Mainzelmänchens gibt Angela Merkel dann doch noch zu das es ein katastrophales Ergebnis ist, denn die CDU hat die 40% nicht knapp, sondern sehr deutlich verfehlt. Hinzu kommt das für die CDU/CSU das gleiche gilt wie für die SPD: Wie viele Wähler haben die CDU gewählt nur weil sie nicht SPD wählen wollten und sich nicht für eine der kleineren Parteien entscheiden wollten? Bei der CDU, zumindest bei der Parteibasis, scheint die Nachricht allerdings bereits angekommen zu sein. Vom Wahlergebnis sollte man mal knapp ein Viertel oder besser die Hälfte abziehen um auf klare Zahlen zu kommen. Gäbe es eine ernst zu nehmende dritte Partei in Deutschland, die CDU würde mit der 20%-Marke kämpfen.

Koalition - Jeder kann, keiner will

Die Journalisten machen mittlerweile Guido Westerwelle zum Gewinner des Tages. Und so führt sich Planlos-Guido auch auf. Große Klappe und breites Grinsen, fühlt er sich doch schon als Kanzler(innen)-Macher. Ampel-Koaliation komme für die FDP gar nicht in Frage, lieber Opposition als Rot-Gelb-Grün. Guido Westerwelle redet als hätte er persönlich die Bundestagswahl gewonnen. 10% ist das beste Ergebnis seit 25 Jahren, in der Hinsicht hat die FDP schon etwas zu feiern. Doch welche Verzweifelung spricht aus einem Wahlvolk das sich für den Wurmfortsatz einer schwarzen Zukunft entscheidet anstatt zwischen Tod durch Erhängen (SPD) und Tod durch Erschießen (CDU) zu wählen?

Wer ist nun Gewinner dieser Wahl? Für mich sind es Bündnis90/Die Grünen. Warum? Weil sie ihre Wähler mit ihrer Politik überzeugen konnten. Die Grünen bleiben zwar “nur” bei ihren achtkommaetwas Prozent, dafür verlieren sie kaum an Stimmen. Sicher konnten die Grünen keine Wählerstimmen dazu gewinnen. Sicherlich haben auch sie Stimmen verloren. Hätte man allerdings den Meinungsforschern Glauben geschenkt, dann hätten die Grünen damit rechnen müssen gar nicht mehr im Bundestag vertreten zu sein.

Die Linke.PDS hat auch gewonnen. Allerdings hat sie wohl nur die Stimmen der “Frustrierten” gewonnen. Erst wurde überschwänglich Helmut Kohl gewählt weil er sie befreit hat. Dann Gerhard Schröder, weil Helmut Kohl sein Versprechen der “blühenden Landschaften” nicht gehalten hat. Und jetzt wird halt Links.PDS gewählt. Try and Error. So kann man Demokratie auch verstehen. Verstehen sollte die Linke.PDS allerdings, dass es für sie im Westen nicht einmal für einen Sitz im Bundestag gereicht hätte. Im Westen hat die Linke.PDS die 5%-Hürde nicht genommen.

Bei diesen Bundestagswahlen gibt es viele Verlierer die es nicht einmal einsehen wollen welche Klatsche sie abbekommen haben. Es gibt auch Gewinner die nicht drauf rum reiten das sie ihre Wähler überzeugen konnten. Es gibt allerdings auch wieder Größenwahnsinnige die sich jetzt schon von der Oppositionsbank aus als Kanzlermacher sehen.
Schwarz-Gelb darf nicht sein. Guido Westerwelle eiert irgendwo zwischen Oppositionsbank und Regierungsbeteiligung rum. Planloses Geschwafel einer ewig gestrigen Partei ohne eigenes Profil. Die CDU/CSU ist innerlich uneinig und bekommt nicht einmal eine klare Linie hin. Wo soll da eine Politik der klaren Entscheidungen her kommen wenn die Macher Blinde Kuh spielen?
Rot-Grün wird es definitiv nicht mehr werden. Nicht nur das es von den Prozenten nicht reicht, die Wähler haben ein klares Nein zu Rot-Grün abgegeben. Vor allem zu Rot haben sie nein gesagt. Der Trend aus den NRW-Wahlen schreitet fort, die SPD ist bundesweit auf einen absteigenden Ast.
Rot-Rot-Grün kommt wegen der geringen Akzeptanz der Linken.PDS im Westen nicht in Frage. Eine Regierungsbeteiligung der Linken.PDS, egal in welcher Koalition, wäre politischer Selbstmord für den Koalitionspartner.

Deutschland steuert auf eine Krise zu die noch etliche Jahre andauern wird. Der Wähler hatte seine Chance und hat sie nur bedingt genutzt. Anstatt Rot-Schwarz für ihr Versagen der letzten 20 Jahre deutlich abzustrafen, wurden nur laue Backpfeifen verteilt. Zurück bleiben völlig verwirrte Politiker die sich bis jetzt, jeder für sich, als Gewinner der Wahl sehen. Doch sie werden einsehen müssen dass sie verloren haben. Verstehen werden sie es wahrscheinlich erst wenn gar nichts mehr geht, wenn gar keine Regierungskoalition zu Stande kommt. Akzeptieren werden sie es wohl nie, Politiker sind Machtsüchtig. Also wird es weitergehen mit Ausreden, schönreden und Unsinn reden.

Ralf

Es existieren 2 Kommentare für diesen Eintrag:

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Synopso schrieb:

Komm lass uns eine Jamaika Koaltion machen. Das wird bestimmt lustig!

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Ralf schrieb:

Oh ja! Dann können wir gleich dein Wiederauftauchen feiern ;-)