Berechenbar

23. September 2005

Gestern Nacht bin ich auf einen ganz interessanten Artikel gestoßen. André Fiebig hat sich Gedanken dazu gemacht wie man Blogs besser bewerten kann.
Die derzeitige Situation sieht so aus, dass man sich einen Counter bei Blogcounter.de besorgt, diesen einbaut und sich mit den Top100 unter den Bloggern vergleicht. Eine andere Methode ist es sich seinen Platz bei Blogstats unter den Top100Live anzuschauen. Dort werden Links auf das Blog und die Anzahl der Quellen für den Listenplatz herangezogen. Eine weitere Möglichkeit die “Wichtigkeit” seines Blogs zu messen, wäre der Google-Pagerank. André Fiebig will nun durch Kombination von Linkanzahl, Anzahl der Quellen und Besucherzahlen eine Blog-Ratio bilden die weit aussagekräftiger sein dürfte als reine Klick- oder Link-Zahlen.

Aus meiner Sicht ist das ein ganz interessanter Gedankengang, ich sehe das jetzt aber viel mehr aus der Sicht eines Technikers oder Programmierers. Denn die grundlegende Kritik an einer Blog-Ratio ist doch: Was bringt es einem? Was sagt die Blog-Ratio über ein Weblog aus?
Die einfache und sehr kurze Antwort: Nichts, rein gar nichts.

Zu versuchen die Blogsphäre mit Zahlen zu bewerten wäre so, als wenn man versuchen würde eine Weltformel zu finden die alles Sichtbare beschreiben kann.
Ich versuche es mal mit einem Vergleich. Algen und Bäume sind beides Pflanzen. Jedoch unterscheiden sich Algen von Bäumen so grundlegend voneinander das man wohl kaum auf die Idee kommen würde sie ernsthaft miteinander vergleichen zu wollen. Dass eine unscheinbare, manchmal sogar einzellige Lebensform mit kurzer Lebenszeit. Das andere ein imposantes Gebilde mit unzähligen Zellen und äußerst Langlebig.
Auch wenn beide Lebensformen darauf bauen aus Wasser und Kohlendioxyd Lichtenergie in chemische Energie (Traubenzucker) und Sauerstoff umzuwandeln (Photosynthese), könnten sie trotzdem nicht grundverschiedener sein.
Mit den Weblogs verhält es sich ähnlich. Auch unter den Blogs gibt es Einzeller, Mehrzeller, Algen und Bäume, vor allem aber auch Blumen, Gräser, Obstbäume, Büsche, Moose, Epyphyten und viele weitere Zwischenformen (es soll sogar so etwas wie Schimmelpilze unter den Blogs geben. Aber Pilze sind ja keine Pflanzen). Das einzige was Blogs im Inneren verbindet, ist die Technik die sie benutzen: Ständiges Wachstum durch hinzufügen von Inhalten mit Hilfe einer Publikationssoftware (Blogsoftware).
[Ich weiß, diese Definition hinkt etwas. Aber versucht mal das ganze in Worte zu fassen. So einfach wie bei der Photosynthese ist es leider nicht. Da sind selbst Pflanzen einfacher gestrickt als das Internet]

Nun hinzugehen und zu behaupten das ein Baum wichtiger, besser oder schöner ist nur weil er aus mehr Zellen besteht und man ihn eher wahrnimmt als ein Grashalm, finde ich doch sehr absurd. Das Internet ist ein Garten der aus vielen verschiedenen Pflanzen und Pflänzchen besteht. Rupft man den Rasen und die kleinen Blumen raus, oder nimmt nur noch die Bäume wahr, entgehen einem 98% der schönen Dinge im Garten Internet.
Genauso sehe ich es mit den Blogs. Leute die nur die “wichtigen” und “großen” Blogs wahrnehmen, wissen gar nicht auf welche Blumen sie da rumtrampeln.
[Ich hoffe doch schwer, dass es Zucker war den ich mir grade in den Kaffee geschüttet habe und nicht Philosophiekoks]

 

Genug Blog-Philosophie. Denn eine Blog-Ratio kann auch hilfreich sein. Zum Beispiel für Leute mit kleinem Ego, vielleicht gibt es bald ja Blogs auf Krankenschein? Blog-Viagra bei akutem U53.1 nach ICD10.
Vielleicht ist eine Blog-Ratio aber auch ernsthaft verwendbar. Zum Beispiel wenn man in der Blogsphäre nach einem bestimmten Thema recherchiert und nach einer Möglichkeit sucht, die Ergebnisse zu sortieren.
Eine Blog-Ratio könnte auch helfen die “wichtigen” Blogs in der Blogsphäre ausfindig zu machen. Das wird spätestens dann interessant, wenn man versucht ein Blog ernsthaft zu vermarkten. Was kosten 10tsd Quadratpixel* Werbefläche in einem Blog?
Eine Blog-Ratio könnte auch helfen die Wahrnehmung von Blogs zu beurteilen. Bis jetzt ist es ja immer noch eine recht umstrittene Frage ob Blogs mit den etablierten Medien vergleichbar sind oder ob es sich bei Blogs um Randerscheinungen des Internets handelt.

Je mehr ich über das Thema Blog-Ratio nachdenke, desto mehr fällt mir dazu ein. Deswegen werde ich das ganze ein wenig aufteilen und meine Gedanken zu der Technik in einen anderen Beitrag packen.
André Fiebigs Idee zur Blog-Ratio ist definitiv ein guter Impuls in der Diskussion Weblogs vs. Journalisten, welches ja ein ewig währendes Thema in den Online-Medien und den Blogs ist. Anscheinend kann man den Kritikern von den etablierten Medien mit Argumenten und logischen Schlussfolgerungen nicht beikommen, vielleicht klappt es ja mit nackten Zahlen. Wie sagte Frank Patalong so schön? “RTL.de hat monatlich 15 Millionen Hits“. Ich hab im Monat so an die 900 Besucher, mein Schwanz ist um einiges kleiner als deren. Aber es kommt ja nicht auf die Größe an, schmecken muss er!

 

* Quadratpixel ist eine Größe die ich grade eben erfunden habe. Ich gehe nicht davon aus das man in Zukunft Online-Werbung nur noch nach den Klicks abrechnen kann. Viel mehr wird auch die Fläche der Werbung eine größer werdende Rolle spielen.
Ein Werbebanner mit 560×80 Pixeln ist definitiv auffälliger als ein 80×80 Pixel großer Button oder ein reiner Textlink.

Ralf

Es existieren 3 Kommentare für diesen Eintrag:

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[...] noch keine Kommentare zu ‘schwanzvergleich und statistik-onanie’. RSS feed fuer Kommentare und Trackback URI fuer ‘schwanzvergleich undstatistik-onanie’. [...]

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Schön geschrieben!

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Clavain schrieb:

Ich hätt auch gern so Philosophiekoks…

Trotzdem guter Beitrag und keine schlechte Idee. Bin mal auf deine weiteren Ausführungen gespannt