iSpy 2.0

01. November 2005

Oder: Ich spioniere mich selbst aus

Mag ja sein das nun der eine oder andere Leser meint ich wäre am jammern oder chronisch mäkelig. Aber ab und zu gehen mir ein paar Dinge nicht wirklich in den Kopf. Dann werd ich halt so.
Eine Sache ist nun das mit diesem Web 2.0. Gut, da wurde schon viel zu gesagt. Trotzdem reißt der Trubel um Web 2.0 einfach nicht ab. Ein mir etwas unverständlicher Umstand, zumal es da ein paar offene Fragen gibt die eigentlich jeden zu denken geben müssten.
Darüber das nun plötzlich Techniken für sicher erklärt werden nur weil sie einen neuen Namen, den eines hierzulande bekannten Putzmittels, bekommen, darüber habe ich ja schon mal was geschrieben. JavaScript ist böse, Ajax ist geil. Macht ja nichts dass es keinen technischen Unterschied zwischen JavaScript und Ajax gibt. Man spricht einfach immer nur von Ajax und verschweigt dass es eigentlich ein ganz alter Hut mit neunen Federn ist.

Und nun dieses flockige Flock. Die Idee von Flock ist schick
und nahe liegend. Die Umsetzung hingegen lässt die Zweifel wachsen. Zumindest bei mir.
Nicht nur das Flickr und Flock sich namentlich stark ähneln, auch ihre Webauftritte gleichen sich optisch doch sehr stark. Dabei handelt es sich um zwei verschiedene Unternehmen. Nun wären diese Ähnlichkeiten ja noch nichts besorgniserregendes, geht es doch in beiden Projekten um "social internet" in dem viele Benutzer alles teilen was sie haben.
Etwas stutzig wurde ich als ich erfuhr, dass Flock angeblich mit einem Startkapital von dicken 2 Millionen Dollar an den Start ging. Dabei machten die Flockianer doch immer so einen netten, schwiegersohntauglichen, brüderlichen, freundschaftlichen, nerdigen Eindruck. So wie die zwei Typen, drei Häuser weiter die Straße runter, die immer diese coolen Internetanwendungen programmieren, dann das Zeugs
ins Netz stellen und es allen für Lau zur Verfügung stellen, dabei aber außer ein paar Spenden nichts dafür haben wollen. Dieser Flickerige Auftritt mit Einblick in die Entwickelungsumgebung, Veröffentlichung des Source-Codes bis hin zu lustigen Fotos aus den Labs der Entwickler. Wer kommt da schon auf die Idee das die Jungs mit dem (P)Flock irgendwann mal die fette Kohle
absahnen wollen?
Denkste. Da steckt tatsächlich ein dickes Konto dahinter. Und da wo dicke Konten (sprich Venture-Capital) dahinter steckt, da muss auch irgendwann noch viel dickere Kohle eingefahren werden. Denn Venture-Capital wird typischerweise hoch verzinst.

Nun kommt Akismet. Akismet soll das Spamverhinderungstool für WordPress sein. Dumm nur, dass man Akismet, ganz untypisch für WP-Plugins, nur mit einem gültigen API-Key in Betrieb nehmen kann. Wo bekommt man
diesen ominösen API-Key her? Richtig, von WordPress.org. Aber auch nur dann, wenn man die Seite mit Flock besucht.
Wordpress.org supports Flock. Gut. Anders ausgedrückt: Matt Mullenweg (= Mr. WordPress) supportet Flock (= Mr. 2 Million Dollar).
Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Und ein Troll wer sich dabei an die Geschichte mit den Google-Pagerank in Zusammenhang mit WordPress.org erinnert. Och da war aber doch noch die Sache mit dem Google-AdSense und WordPress.org, oder!?

Denken wir lieber an etwas anderes bevor wir Matt Mullenweg noch als Mr. 2 Million
Dollar bezeichnen.
Zum Beispiel an Zeiten, in denen es gang und gäbe war sich Tracking-Cookies und Dataminern zu wiedersetzen. Meine Privatsphäre gehört mir. Selbst meine IP-Adresse war manchmal so geheim, dass ich selber nicht wusste wie sie lautete.
Kann sich noch jemand an Diskussionen über durch Werbung finanzierte Programme erinnern? So ganz dunkel zum Beispiel an Kazaa? Das böse Wort auf das ich hinaus will ist Spyware. Programme die Werbetreibenden sagen welche Webseiten ich besuche und wofür ich mich im Internet (und nicht nur da) interessiere.
Anti-Spywareprogramme und geblockte Tracking-Cookies machen das Leben der Datensammler von Tag zu Tag schwerer. Wer füllt noch diese lästigen Fragebögen aus mit denen die Gratisanbieter (z.B. GMX / Haben Sie Neuigkeiten für uns?) herausfinden wollen was uns interessiert, nur um die Werbung ein wenig zu optimieren. Hach! Waren das noch Zeiten als man im Internet täglich von solchen Dataminern belästigt wurde.

Ich denke, diese Zeiten neigen sich nun dem Ende zu. Denn anstatt nächtelang
Fragebögen zu schreiben, mühselig Trackin-Cookies über PopUps zu platzieren oder Programmierer davon zu überzeugen ihre Programme mit Spyware zu verseuchen, werden die Werbetreibenden und Dataminer diese Arbeit in Zukunft auf den Benutzer abwälzen. Das tollste an dem ganzen, der Benutzer macht begeistert mit.
Das Zauberwort, oder besser der Codename der neuen Datensammelmethode, lautet Web 2.0. Fleißig speichert der Benutzer Links in del.icio.us oder furl, lädt Fotos bei Flickr hoch, versieht seine Fotos evt. noch mit Geo-Tags (damit man auch genau weiß wo sie aufgenommen wurden), verwaltet seine Blogroll online bei Bloglines&Co. und erstellt so nebenbei eins der aussagekräftigsten Benutzerprofile die sich ein Werbetreibender und Dataminer nur denken
kann.
Schnittpunkt aller Datensammeltools (Flickr, Bloglines&Co, del.icio.us, furl, usw.) ist das Blog, hier laufen alle Fäden zusammen. Damit der Benutzer aber auch ja nicht auf die Idee kommt etwas anderes als die von den Datensammlern erwünschten Online-Tools zu benutzen, bekommt er ein Werkzeug in die Hand gedrückt, welches all die netten Funktionen gleichzeitig bereit stellt: Flock.

Alles völlig paranoid? Mitternächtliche Spinnerei? Oder ist da mehr dran?
Ich denke diese Fragen werden sich spätestens dann von selbst beantworten, wenn die ersten Web 2.0 Unternehmen an Yahoo oder Google verkauft werden. Da Flickr schon in der Hand von Yahoo ist, dürfte man nicht zu sehr überrascht sein wenn bald auch del.icio.us von Yahoo aufgekauft wird. Oder wenn sich herausstellt das Flock von einen Tochterunternehmen von Yahoo finanziert wurde. Und als nächstes ist dann WordPress an der Reihe? Matt Mullenweg würde ich es durchaus zutrauen sobald er mit seinem
Google-PR9-Marketing nicht mehr genug Kohle scheffeln kann.
Wer kann schon sagen wer wirklich die 2 Millionen Dollar Startkapital für Flock bereitgestellt hat. Oder wer dafür gebürgt hat das dass Geld auch irgendwann wieder rein kommt.

Man muss nicht sehr paranoid veranlagt sein um sich ein Szenario vorzustellen in dem ein Yahoo-Manager heimlich Investoren anwirbt um langfristige Geschäftspläne zu realisieren. Man muss dafür aber schon verdammt blauäugig sein, um zu ignorieren das Unternehmen wie Yahoo ein großes Interesse an Benutzerdaten haben.
Web 2.0 ist eine reine Goldgrube für alle Datensammler und Werbetreibenden. Wirklich reich wird derjenige, der es versteht all die Daten zusammen zuführen und auszuwerten. Ob das nun Yahoo, Google oder ein anderes Unternehmen ist bzw. sein wird, dürfte relativ egal sein. Fakt ist, solch eine Sammlung an fein säuberlich aufbereitete Daten wird sich kein Unternehmen entgehen lassen. Und wer will den Unternehmen dann einen Vorwurf machen dass es die Daten auswertet und verwertet? Der Benutzer macht
doch fleißig und voller Freude mit. Das geht sogar soweit, dass Benutzer den Maschinen erklären wer ihre Freunde sind und in welchen Beziehungen sie zu bestimmten Webseiten stehen.

Der User 2.0, kompatibel zu Web 2.0, wird durchschaubarer sein als der in den 80er Jahren befürchtete und bis heute bekämpfte gläserne Bürger.
Aber was soll’s? So lange es so lustige Namen wie Web 2.0, Ajax oder Flock hat, kann es ja nichts schlimmes sein. Ganz bestimmt nicht wenn es so bunte Webseiten hat. In buntem Kinderspielzeug ist ja auch noch nie Gift gefunden worden.
Ein Schelm und Paranoiker wer böses dabei denkt.

Ralf

Es existiert bisher 1 Kommentar für diesen Eintrag:

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mek schrieb:

Vielen Dank fuer diesen Beitrag. Das haben Sie sehr trefflich in Worte gegossen und mir dabei die Arbeit erspart.