[…] tirilie […]
05. November 2005[…] Wir sind schon Ewigkeiten miteinander befreundet. Das ist so eine Freundschaft, in der man ohne mit der Wimper zu zucken ‘Ja’ sagte wenn man um einen Gefallen gebeten wird. So kam es, dass ich mich spontan dazu bereit erklärte auf Toni aufzupassen. Toni, dass ist ein mittelgroßer, sehr wuschiger Hund einer mir unbekannten Rasse. Obwohl ich keinerlei Erfahrung mit Tieren habe, ging ich nicht davon aus das Toni mir irgendwelche Probleme bereiten würde. Ein Tier das so treudoof gucken kann, kann einfach keine Probleme machen. Dachte ich.
Frauchen ging also auf Reisen und Toni, der temporär bei mir eingezogen war, saß mit Knopfaugenblick vor mir und winselte leise vor sich hin. Hätte ich gewusst, dass ein Tier einen derart herzerweichenden Blick an sich haben könnte, ich hätte mich niemals auf solch ein Abenteuer eingelassen. Eher hätte ich die Empfehlung ausgesprochen, Toni für die kurze Zeit der Reise in eine Tierpension oder Tierheim abzugeben. Egal was man von mir denken würde, egal wie hartherzig man mich halten würde, alles wäre mir lieber gewesen, als diesen Mitleid erregenden Hundeblick aus zwei Knopfaugen und das leise Wimmern, welches seit geraumer Zeit unablässig aus ihm heraus drang.
Fressen? fragte ich ihn in meiner Verzweifelung. Das konnte eigentlich nicht das Problem sein. Die Fütterung fand vor nicht all zu langer Zeit, getreu den Anweisungen, statt. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Und da Toni mein breit gefächertes Angebot an Leckerlies schlichtweg ignorierte, kam mir meine Frage schon in den Moment recht sinn- und hilflos vor, als ich noch dabei war sie zu stellen.
Gassi? fragte ich also weiter, fast so als wenn ich von diesem Bündel Fell eine adäquate Antwort erwarten könnte. Nichts da. Er saß einfach weiterhin vor mir und winselte mich an. Obwohl es ebenso unwahrscheinlich war, dass Toni das Bedürfnis verspürte sich im apokalyptischen Regen, welcher grade nieder ging, zu erleichtern, holte ich die Hundeleine und bot sie ihm dar. Toni bedankte sich mit einem strafenden Blick aus den Augenwinkeln, er machte sich nicht einmal die Mühe sich ganz zu mir umzudrehen. Ich konnte ein gewisses Verständnis für sein Desinteresse und den strafenden Blick aufbringen. Denn immerhin war es kaum 30 Minuten her, da hatten wir beide kurz die Wetterlage geprüft. Toni begnügte sich damit, sich an der Regenrinne, keine 3 Meter vom Hauseingang, zu erleichtern um sogleich wieder zurück ins Treppenhaus zu stürmen. Ich hingegen begnügte mich damit, meine Nase grade so weit aus der Haustür zu strecken, um zu merken, dass es entscheidende Vorteile hat, wenn man dazu in der Lage ist eine beheizte Toilette zu benutzen.
Harndrang war also auch nicht das Problem. Wenn Toni sich weigerte etwas zu sich zu nehmen oder etwas von sich zu geben, was hätte dann der Grund für seinen jämmerlichen Blick mit dieser herzzerreißenden Geräuschkulisse sein können?
Streicheleinheiten an Nacken, Kopf und Bauch änderten ebenfalls nichts an der Situation. Erst als ich mehr zu mir selber als zu Toni sagte, dass er wohl Frauchen vermissen würde, änderte sich schlagartig die Situation. Aus den traurigen Knopfaugen wurden sogleich zwei hellwache Hundeaugen die, nachdem die dazugehörigen Hundeohren das Wort “Frauchen” vernahmen, mich erwartungsvoll anschauten. Zu meiner Erleichterung änderte sich das Winseln prompt in ein aufgeregtes Hecheln.
Frauchen? wiederholte ich diesmal mit weit aufgerissenen Augen, deutlich vernehmbar, in Richtung Hund. Gut das ich mich in diesen Augenblick derart unbeobachtet fühlte, dass ich mich vor dem Hund, ausschließlich zu seinem Wohle, zum Kasper machte.
Frauchen? Willst du zu Frauchen? sprudelte es nun aus mir heraus als wollte ich ein zweijähriges Kind zu entwickelungstechnischen Höchstleistungen animieren. Ich hätte es sein lassen sollen. Denn jedes Mal wenn das Wort “Frauchen” bis ans Hundeohr drang, bestätigte Toni mir dies mit einem kurzen, einzelnen Bellen. Frauchen? Wuff! Frauchen? Ja Frauchen? Wuff! Wau!
Ich freute mich noch, dass ich Toni wenigstens kurzfristig etwas aufmuntern konnte, jedoch ohne zu ahnen, in welche emotionale Sackgasse mich mein unbedachtes Verhalten führen würde. Ich konnte doch nicht die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tag damit verbringen dem Hund das Wort “Frauchen” entgegen zu schleudern, dabei debil zu grinsen und ihn zur weiteren Aufmunterung sein dickes Fell jedes Mal zu durchwuscheln.
Auch wenn andere Menschen anderer Meinung sind, ich gehe nicht davon aus, dass Toni mit sehr viel Intelligenz gesegnet ist. Für mich ist und bleibt Toni ein emotionaler Fellknäuel der hin und wieder an Bäume pinkelt und Menschen mit seinen Hundeaugen dazu bringen kann, ihm etwas zu fressen zu geben. Wirklich schlau scheint der mir nicht zu sein.
Es würde also einer von uns beiden bei diesem Frauchen-Wuff-Spiel geistig auf der Strecke bleiben. Da Toni in diesen Punkt nichts, oder nicht viel, zu verlieren hatte, bekam ich Angst, dass ich sabbernd im Rollstuhl sitzend und für den Rest meines Lebens ständig das Wort “Frauchen” wiederholend, enden würde.
Dieses Risiko konnte und wollte ich nicht eingehen. Deswegen überlegte ich kurz wie ich dem armen Tier in seiner emotionalen Notlage anhaltende Linderung verschaffen könnte. Ich beschloss “Frauchen” anzurufen und Toni eine Portion von Frauchens Stimme zu gönnen. Vielleicht würde ihn das für die nächsten 24-36 Stunden ein wenig beruhigen.
So schnappte ich mir also das Telefon und wählte Frauchens Handynummer. Noch bevor ich die letzte Ziffer gewählt hatte, überlegte ich, was ich denn sagen sollte. “Hallo, dein Hund will dich sprechen”? Bei diesem Satz befürchtete ich, dass man mich sofort abholen und einliefern würde. Da mir nun spontan kein besserer Satz einfiel, beschloss ich kurzerhand einfach gar nichts zu sagen. Frauchen würde Toni schon irgendwie erkennen und ihm ein paar nette “Hallo’s” spendieren.
Als das Rufzeichen aus dem Hörer drang, hielt ich Toni den Hörer vor die Schnauze. Erwartungsvoll starrte er diesen auch an. Tuuut-Tuuut … Klack … Ja Hallo? Glück gehabt, Frauchen ging sofort ans Handy und meldete sich brav. Bei Toni war sofort eine positive Reaktion zu bemerken. Auch wenn ich kein Tierpsychologe bin, ich bin mir sicher, Tonis Hecheln klang gleich eine Oktave glücklicher.
Hallo? Haaallllooooooo? Wer ist denn da? Mit jedem Hallo hechelte Toni etwas intensiver, jedoch schien er sich ein beherztes Bellen zu verkneifen um jedes “Hallo”, das aus dem Hörer drang, in vollen Zügen zu genießen.
Nach dem vierten oder fünften Hallo machte es allerdings Klack und Frauchen hatte aufgelegt. Toni starrte den Hörer noch einen Augenblick an, dann schaute er mich sehr erwartungsvoll an, dann wieder den Hörer, dann wieder mich. Ich konnte nicht widerstehen, drückte die Wahlwiederholungstaste und hielt Toni erneut den Hörer vor die Nase. Nur einen kurzen Augenblick später drangen wieder Frauchens Worte, die Toni offensichtlich so glücklich machten, aus dem Hörer.
Hallo? Haaaaalllllllloooooooo? Wer ist denn da? Sagen Sie doch was? Hallo? Toni hechelte nun immer erregter in den Hörer, jeden Augenblick rechnete ich damit das er sich seinem heiß geliebtem Frauchen durch ein Bellen, oder wenigstens durch ein kurzes Kläffen, zu erkenne geben würde. Er begnügte sich jedoch damit den Hörer anzustarren und munter vor sich hin zu hecheln.
Zwei, dreimal wiederholte ich das Spielchen. Wahlwiederholungstaste, erwartungsvolles Hörer anstarren und ein stiller Dialog mit Hecheln auf der einen Seite, sowie mit Zeit immer genervter klingenden “Hallo’s” auf der anderen Seite. Ich freute mich so sehr mit Toni, konnte sein Glück Frauchens Stimme zu hören, regelrecht spüren. Dabei dachte ich, dass Toni sich nun endlich zu erkennen geben würde. Doch für mich hatte es den Anschein, als wenn Frauchen immer genau in den Moment das Gespräch beendete, als Toni sich grade zu erkennen geben wollte.
Ein letzter Versuch. Erneut drücke ich die Wahlwiederholungstaste. Erneut halte ich Toni den Hörer vor die Nase. Erneut starrt er diesen erwartungsvoll an. Doch diesmal war der Dialog zwischen Frauchen und Toni extrem kurz:
Tuuut-Tuuut … DU SCHWEIN! Klack
Wuff!
Da! Toni hatte sich endlich dazu entschlossen, sich zu outen. Blöd nur das Frauchen so schnell aufgelegt hatte. Aufgrund der Lautstärke mit der sie sich diesmal meldete, schloss ich darauf sie wohl schon etwas gereizt war. Aber mir fiel etwas viel wichtigeres auf. Toni schien schwerhörig zu sein. Er hatte wohl die ganze Zeit Frauchen nicht so richtig verstehen und somit nicht zuordnen können. Eigentlich auch kein Wunder. Ein Tier das mehr Haare an einem Ohr hat als ich auf dem gesamten Kopf, wie sollte das irgendetwas vernünftig verstehen können?
Also wählte ich ein allerletztes Mal die Nummer, die ich an diesen Abend schon so oft gewählt hatte. Nur diesmal hielt ich den Hörer nicht vor Tonis Schnauze, sondern ich entschloss mich dazu, sein haariges Ohrläppchen anzuheben und ihm den Hörer direkt ins Ohr zu drücken.
Leise, ganz leise, durch dichtes Fell und durch Tonis herunter geklapptes Ohrläppchen hindurch konnte ich das Rufzeichen hören. Dann kam es mir so vor, als wenn ich so etwas Ähnliches wie eine Trillerpfeife gehört hätte.
Toni reagierte erst einmal damit, dass er zur Seite umkippte. Danach schaute er sehr verwirrt um anschließend mit relativ hoher Geschwindigkeit das Zimmer zu verlassen. Für Umkippen, starren und wegflitzen benötigte er insgesamt weniger als 2 Sekunden.
Ich starrte erst verwundert auf den Hörer, der mir mit seinem Tuuuuuuuuuuuuuuuuuuut deutlich machte dass ich mit niemandem mehr verbunden bin. Danach schaute ich mitleidsvoll Toni hinterher. Da ich ihn aber nicht sehen konnte, folgte ich ihm und versuchte ihn ausfindig zu machen. Ich fand Toni schließlich unter meinem Bett. Toni knurrte mich an als wäre ich der Leibhaftige höchst persönlich. Mir wurde klar, dass ich diese Nacht wohl besser auf der Couch schlafen würde. Zumindest war es nicht sehr ratsam in diesem Bett zu schlafen so lange dieser Hund, der einst der liebe treudoofe Toni war, sich darunter befand.
Ratlos was ich mit diesem armen verstörten Tier anfangen sollte, ging ich ins Wohnzimmer zurück. Frauchen anzurufen und um Rat zu fragen befand ich als keine so schlechte Idee, die ich dann auch in die Tat umsetzte.
Tuuut-Tuuut … Klack …. Das Gespräch wurde zwar angenommen, es meldete sich aber niemand. Also flötete ich ein beherztes Hallo Bärbel? ins Telefon.
Ach du bist es.
Ja du, ich hab da ein winziges Problemchen. Es geht um Toni
Was ist denn mit ihm? Geht es ihm gut?
Ja nun … eigentlich schon. Es ist nur so … ähm …. stotterte ich vor mich hin.
Was ist denn mit ihm? hakte Bärbel nach.
Ja er scheint grade etwas verstört … ähm nein, verängstigt zu sein.
Wie jetzt?
Na er kauert unter meinem Bett und knurrt mich an.
Warum das denn?
Ich glaub er hat sich fürchterlich erschreckt …
Regnet es bei euch?
Ja hat vorhin angefangen wie aus Kübeln zu schütten
Ach so. Na dann. Toni mag keine Gewitter
Ich glaub es liegt weniger am Wetter als …
Du, der beruhigt sich wieder. Musst nur abwarten. Sorry, ich mag jetzt grade nicht reden. Bärbel klang sehr gereizt.
Warum? Ist was passiert? Was schlimmes?
Nicht wirklich. Ich werde nur grade von so einem Perversen am Telefon genervt. Ich mach das Handy jetzt besser aus bevor der noch mal anruft. Wir sehen uns dann morgen Abend, ja?
Ja gut … öhm … bis dann
Klack.
Seit diesem Tag bin ich notorischer Rufnummernunterdrücker. Immerhin hat dies wohl mein Leben gerettet. Dennoch weiß ich, dass Freundschaften manchmal auf eine harte Probe gestellt werden. Toni hatte sich dann wirklich wieder beruhigt. Trotzdem weigere ich mich seitdem irgendein Tier, sei es auch nur für eine kurze Zeit, in meine Obhut zu nehmen. Egal wie sehr mein “Nein” die Freundschaft auf die Probe stellen würde. […]


Streifzügige Fundstücke
Ich glaube, darin unterscheidet sich kein Bewohner von Klein-Bloggersdorf, denn wir alle flanieren gerne. Anstelle von Shops schauen wir in Abständen bei beliebten Bloggern vorbei und schaut, worüber sie sich wieder auslassen. So kehrte ich heute ab…
danke für den lacher des abends… wunderbare geschichte!